Kinder sind kein Abi-Hindernis (März 2007)

 


11758729040 Brigitte Kamlage (v.r.), Daniela Raifschneider mit Tochter Erika, Anja Esch, Stefanie Mathussek, Gunther Biesewig.


Studierende Mütter des Comenius-Kollegs berichten
Positive Veränderungen durch den Schulbesuch
„Auf jeden Fall sollen Frauen Abitur machen“, sagt Brigitte Kamlage. Die Mutter von zwei Jungen erwarb im Dezember 2005 nach der Mindestzeit von sechs Semestern die Allgemeine Hochschulreife. Ab dem Herbst will sie Anglistik und Biologie studieren. Brigitte Kamlage ist mit Anja Esch, Mutter einer Tochter, (Abitur Juni 2000), und den derzeitigen Studierenden Stafanie Mathussek (ein Mädchen, ein Junge) und Daniela Raifschneider (eine Tochter) im Comenius-Kolleg, um über die Chancen von Müttern zu sprechen, an dieser Erwachsenenschule das Abitur oder die Fachhochschulreife zu erlangen. Eingeladen hatte Lehrer Gunther Biesewig, dem es als Öffentlichkeitsreferenten des Kollegs ein besonderes Anliegen ist zu zeigen, dass das Kolleg auch unter erschwerten Bedingungen besucht werden kann.
Alle Frauen waren vorher berufstätig, eine Bedingung zur Aufnahme an den Zweiten Bildungsweg: Brigitte Kamlage als beamtete Sekretärin, Anja Esch als Pharmazeutisch Technische Assistentin, Stefanie Mathussek als Zahnarzhelferin und Daniele Raifschneider als Produktionshelferin. Daniela, Aussiedlerin aus Russland, fühlte sich unwohl als ungelernte Arbeiterin, deren Arbeitsplätze zumeist unsicher sind. „Ich kann den Schritt zur Schule nur allen Frauen empfehlen. Ich habe zu mir selbst gefunden.“ Ab dem Wintersemester möchte sie Sozialarbeit studieren. Anja legt im Mai ihr letztes Examen in Pharmazie an der Universität Münster an. Stefanie mach ihr Berufsziel vom Ergebnis der Abiturprüfung abhängig.
Wie organisierten die z.T. verheirateten, z.T. alleinerziehenden Mütter den schweren Schulalltag von 8:10 Uhr bis nachmittags um 15:35 Uhr. Brigittes Kinder waren schon 13 und 15, Anjas Tochter 8, Danielas 6, Stefanies Kinder sind 9 und 11 Jahre alt. Vom leidigen Diskussionsstoff um „Rabenmütter“ wollen sie gar nichts hören. Die Kinder wurden immer gut versorgt, die Beziehungen sind liebevoll. Die Kinder sind nicht psychisch gestört. Im Gegenteil: Sie lernten schon früh Selbstständigkeit. „Yvonne wurde ein richtiges Organisationstalent mit einem starken Selbstbewusstsein“, berichtet Anja über ihre Tochter. Wenn die Kinder aus der Schule kamen, setzten sie sich nach einer Ruhepause an die Schularbeiten. Das hatten sie ihren Müttern versprochen, und die vertrauten ihnen. Waren sie alt genug, wie Brigittes Kinder, so wärmten sie sich das vorbereitete Essen auf. Stefanie meint, dass Außenstehende Ängste haben, diese aber in den meisten Fällen unbegründet seien. Daniela, in der Sowjetunion sozialisiert, mit Eltern mit 24-Stunden-Wechselschichten, war oft allein und lernte so Selbstdisziplin. Auf ihre Tochter Erika kann sie sich verlassen.
Die Ehemänner unterstützten ihre Frauen. Stefanie: „Er hatte den Wunsch, dass ich mich weiter entwickele. Zunächst hatte er das Fachabi gemacht.“ Brigitte erwähnt die starke Unterstützung durch ihren Mann. „Der Schulbesuch brachte für mich positive Veränderungen, die sich positiv in der Familie auswirkten.“ Anja fand ihren Lebenspartner auf dem Kolleg. Er ist mittlerweile Bauingenieur. Danielas Partner war längere Zeit arbeitslos. Jetzt hat er eine Anstellung. Das aber erforderte neue Zeitplanungen.
Mit den Finanzen war es nicht so leicht. Anja und Daniela bekamen BAFöG, Brigitte war vor der Schulzeit ohne Lohneinkommen, so änderte sich nichts. Bei Stefanies Familie fiel ihr Lohneinkommen weg. Die Kollegzeit bedeutet somit auch finanzielle Einschränkungen, denn sie bekommt kein BAFöG.
Im Unterricht werden bzw. wurden die vier nicht als Gruftis oder Kolleg-Omas angesehen, sondern als Frauen mit reicher Lebenserfahrung respektiert. Manchmal mussten sie aber auch bremsen, so Stefanie: „Ich bin eure Semestersprecherin, nicht eure Mutter“, als plötzlich zu viel auf sie abgeladen werden sollte.
Das Comenius-Kolleg können sie nicht nur wegen der fachlichen Kompetenz empfehlen, sondern auch, „weil die Lehrer dort viel Verständnis für die besondere Situation von studierenden Müttern haben“. Geschenkt worden sei ihnen nichts, aber es wurden immer Wege gesucht, den notwendigen Stoff auch als mehrfach belastete Frau und Mutter zu schaffen.

Dieser Beitrag erschien am 4.4.2007 in der Ibbenbürener Volkszeitung
Text und Foto: Hupsy (Hubertus Rescher)