Aussiedler bei der Abiturprüfung (November 2007)

 

Von links nach rechts: Alexander Matrosov, Dimitri Barsaman, Natalia Eschenbrenner, Victoria Savtchouk, Olga Weizel, Tatjana Krej, Alexandra Litke. Die achte Studierende, Inna Lange, fehlt auf diesem Bild.


In der hiesigen Gesellschaft angekommen
Comenius-Kolleg bietet besondere Kurse für Aussiedler 
„Von dort kommen wir her.“ Die Finger von Tatjana und Alexandra deuten auf Orte in Russland und Kasachstan. Seit mehr als 15 Jahren gibt es am Comenius-Kolleg eine besondere Betreuung von Aussiedlern, die einen höheren Schulabschluss erreichen wollen. Acht wurden zur Abiturprüfung im November zugelassen.
Die meisten von ihnen hatten schon einen Beruf in ihrer Geburtsheimat erlernt: Alexander war Traktorist, Alexandra Krankenschwester. Andere erlernten erst in Deutschland einen Beruf: Victoria wurde Rechtsanwalts-Fachangestellte, Olga eben auch Krankenschwester.
Aber sie wollten mehr. „In Russland hätte ich nie studieren können“, sagt Dimitri. „Die Studiengebühren betrugen 6.000 Rubel, das waren zwar nur etwa 200 Euro, bei den dortigen Löhnen konnten sich das aber nur Reiche leisten.“
In Deutschland erfuhren sie vom Zweiten Bildungsweg, zu dem auch das Kolleg gehört. Mal hatte eine Tante in einer russischen Zeitung vom Comenius-Kolleg gelesen, mal empfahl die Arbeitsagentur eine Weiterbildung an dieser Schule, mal erzählten Bekannte vom Unterricht und davon, dass es dort spezielle Kurse für Aussiedler gibt und dass auch viele Mütter und Väter das Angebot annehmen können. Tatjana hat eine Tochter, deren Großeltern helfen, dass es mit dem Kollegbesuch klappt. Alexander hat zwei Kinder, hier ermöglicht die Ehefrau, dass genug Zeit für die Schule bleibt.
Einfach war es für sie nicht. Die meisten hatten durch ihre Abschlüsse, die hier zumeist als Fachoberschulreife anerkannt wurden, mit Russisch zwar die zweite Fremdsprache bereits abgedeckt, aber, so sagen sie: „Eigentlich mussten wir hier zwei Sprachen lernen, Deutsch und Englisch. Denn dort war Russisch unsere Alltagssprache, selbst wenn wir zur deutschen Nationalität gehörten.“
Neben den besonderen Kursen für Aussiedler in Deutsch und Englisch fanden sie aber auch noch andere Hilfsmöglichkeiten. Alexandra erzählt, dass sie in Mettingen in einer deutschen Familie lebt, also deutsch sprechen muss. Tatjana und Alexander berichten, dass sie über ihre Kinder zusätzlich deutsch lernen. Die sind hier in Kindergarten und Schule mit dieser Sprache aufgewachsen. Olga war auf einer Hauptschule mit Kindern aus vielen Nationen. Sie hatte eine albanische und eine polnische Freundin. Ganz klar, dort war Deutsch dann die Verkehrssprache. Alexandra erlebte dies im Integrationssemester am Comenius-Kolleg, wo die Aussiedler gemeinsam mit brasilianischen Studierenden lernten. Ganz klar, dass auch hier Deutsch Verständigungssprache war.
Schwierig war der Anfang trotzdem. „Wir hatten ein ganz anderes Lernsystem“, erklärt Natalia. „Hier haben wir erst lernen müssen, dass wir uns auch mündlich im Unterricht beteiligen müssen, dass wir nicht nur mitschreiben, sondern auch diskutieren müssen.“
„Wir wurden als Aussiedler angenommen“, erzählt Olga. „Wir erklärten den anderen im Unterricht, wie es historisch dazu kam, dass es in Russland und Kasachstan eine deutsche Nationalität gab.“ „Es ist wichtig, dass die bestehende unterschiedliche Kultur offen angesprochen wird“, sagt Victoria. „Nur so kann Verständnis erreicht werden und dann Integration.“ Die Sechs kommen von weit her, aber es wird deutlich, dass sie hier angekommen sind. Trotz aller Ängste haben sie sich etwas zugetraut. Nach dem Abitur wollen sie studieren: Dimitri Betriebswirtschaftslehre, Olga Chemie-Ingenieurwesen, Victoria Politikwissenschaft, Alexandra Medizin, Tatjana Medien und Grafik, Natalia und Alexander Mathematik. Integration ist nicht einfach, aber, wie dieses Beispiel verdeutlicht, möglich.

Text und Foto: Hupsy