Hungerstreik (Dezember 2007)
Bruder Wellington


Ich wünsche Euch allen einen guten Tag!
Liebe Studierende und Lehrende des Comenius-Kollegs, ich grüße Euch
herzlich an diesem Morgen, an dem wir zusammen gekommen sind, um diese
Agape zu feiern. Ich heiße Wellington und bin Franziskanerbruder und Studierender im ersten Semester des Studienkollegs. Ich bin Brasilianer und vor drei Monaten nach Deutschland gekommen. Ich lebe jetzt in der franziskanischen Gemeinschaft hier in Mettingen.
Die Zeit, die wir gerade erleben, ist gut geeignet zu reflektieren. Der Advent ist eine Zeit, in der wir in der Natur Dunkelheit erleben. Gleichzeitig erleben aber viele Schwestern und Brüder Dunkelheit in ihrem Leben. Wir wollen daher Zeichen des Lichtes und des Lebens, die wir auf unserem Lebensweg sehen, aufnehmen. Zeichen des Lichtes, die trotz aller Dunkelheit für uns sichtbar werden hier in unserer Gesellschaft. Und so möchte ich Euch auf etwas hinweisen, das sich zur Zeit in Brasilien ereignet.


Die brasilianische Regierung, die seit 2004 im Amt ist, hat ein Projekt, das
schon lange zu den Akten gelegt war, wieder aufgegriffen. Bei diesem Projekt handelt es sich um die Umleitung eines großen Flusses, der die Regionen Südosten und Nordosten durchfließt. Es ist der Rio São Francisco.
Die brasilianische Regierung behauptet, dass diese Umleitung für zwölf Millionen Menschen Gutes bringt, und dass mit ihr ein großes in Brasilien, besonders im Nordosten beseitigt werden könne, die Dürre. Der Großteil des Wassers des Rio São Francisco werde umgeleitet, um andere Bundsländer zu versorgen, die nicht an seinem Flusslauf liegen.
Wir wissen aber, dass dies nicht die beste Lösung des Dürreproblems ist. In Wirklichkeit hat dieses Projekt nämlich nur wirtschaftliche Ziele und dient allein den großen Industrien und den Großgrundbesitzern. Der Großteil der armen Bevölkerung wird nämlich gar keinen Zugang zu diesem umgeleiteten Wasser haben. Außerdem zeigen Geografie- und Umweltstudien dass der Rio São Francisco selbst mit neuem Leben versehen werden muss.
Zudem gibt es andere Aktionen, die Dürre zu bekämpfen, zum Beispiel durch den Bau von Zisternen, in denen Regenwasser aufgefangen werden kann. Diese Alternativen werden von uns allen verteidigt, die daran glauben, dass das Leben des Rio São Francisco und der Menschen, die durch ihn überleben, erhalten werden muss. Durch die Alternativen zur Umleitung könnten 44 Millionen Menschen Vorteile haben.
Unser Bruder, der Franziskaner Dom Luiz Cappio. Bischof des Bistums Barra im Bundesland Bahia, hat sich dieser Angelegenheit angenommen. Im Jahre 2005 beschloss er, in einen Hungerstreik zu treten, damit das Umleitungsprojekt aufgegeben werde. Zehn Tage lang hungerte er. Er beendete den Hungerstreik, als die Regierung versprach, das Umleitungsprojekt auszusetzen und es mit der ganzen brasilianischen Gesellschaft zu diskutieren. 
In diesem Jahr aber setzte die Regierung ihr Militär für dieses Projekt ein und ließ die Stellen am Flusslauf besetzen, an denen mit der Umleitung begonnen werden soll. So hat die Regierung also Bischof Dom Luiz und das brasilianische Volk belogen.
Bischof Luiz Cappio begann also am vergangenen 27. November erneut in der Kapelle São Francisco zu hungern. Die Kapelle liegt nahe beim Fluss in der Gemeinde Cabrobó im Bundesland Pernambuco. Diesmal, sagte der Bischof, werde er sein Hungern nur beenden, wenn das Militär sich zurückziehe und das Projekt endgültig aufgegeben werde. Mit anderen Worten, er werde bis zur letzten Konsequenz gehen. So hungert er heute bereits den 21. Tag und nimmt nur Wasser und Nährlösung zu sich. 
Angesichts dieser Situation wollen wir uns diesem unseren Bruder verbunden zeigen, der mit seiner Geste sein Leben für das Leben des Volkes und des Rio São Francisco geben will. “Innerhalb des Volkes, das weder die Umleitung noch den Druck ziviler und kirchlicher Autoritäten will, wird Bischof Dom Luiz auf Seiten des Volkes bleiben. Und er wird bis zum Ende gehen Ich möchte, dass wir unsere Solidarität mit Bischof Luiz zeigen und unseren Einsatz für diese Sache. Deshalb hier noch zwei Überlegungen.
Die Liebe für das Leben in all seinen Erscheinungsformen in einer Welt voller Zeichen des Todes fordert uns heraus, den Rio São Francisco zu verteidigen. Die Haltung von Dom Luiz zeigt und ganz radikal, was der folgende Satz bedeutet: “Wir sind gesättigt von Worten, aber es fehlen uns Werke. Hört auf mit dem Gerede, und lasst Werke sprechen.”
Wir bitten Gott, dass er diese prophetische Geste stärken möge, die sich in andauerndem Fasten und Gebet zeigt. Daher lade ich euch alle ein, dass wir geint in dieser Angelegenheit sein mögen. Denn vor allem glauben wir, dass diese Geste ein Beispiel für Licht inmitten von Dunkelheit ist.
Dankeschön. Frohe Adventszeit! Frohe Weihnacht!


12001450621 Bischof Dom Luiz


Nachtrag: Am 24. Dezember beendete Dom Luiz sein Fasten auf Anordnung seines Arztes, der ebenfalls Franziskaner ist. Er befand sich da schon im Krankenhaus, nachdem er bei Bekanntgabe des Urteils des Obersten Bundesgerichtes in Brasilia am 19.12.2007 zugunsten der Umleitung zusammengebrochen war und das Bewusstsein verloren hatte.

(Bruder Wellington trug den Text in deutscher Sprache vor. Aus dem Portugiesischen übersetzt hatte ihn Hupsy. Das Foto machte Padre Júnior, das Foto von Dom Luiz stammt aus der brasilianischen Kampagne São Franzisko vivo.)