Anmerkungen zur Meditation von Jörg Oberbeckmann (März 2009)


Anmerkungen zur Meditation

Jörg Oberbeckmann:

Den Hinweis und die Idee, so einzusteigen, verdanke ich einem der tiefsinnigsten Kenner der Schrift, den ich kenne: Lothar Steiger. Der Gedanke wie das folgende Zitat findet sich bei L. Steiger, Erinnerung nach vorne. Erzählter Glaube. Die Evangelien, Stuttgart 1993, S.15: „Glaube ist Suche nach einer verlorenen Geschichte“. „Ich suche eine Geschichte, die verloren genug wäre, um meinen Verlust ins Bild zu setzen. Eine Geschichte suche ich, die dunkler wäre als meine dunkelsten Stellen, um mich vorkommen zu lassen. Ich möchte meinen Schatten mitnehmen – nach oben. Ich suche einen, der mich nicht gegen das Licht hält, um mich zu erkennen. Ich suche eine Geschichte, die auch mich gewinnen könnte, weil sie ihr Verlorenes gewann.“


Den Hinweis verdanke ich Gerhard Begrich, der in seinem wunderbaren Predigtband „Trost-Preisungen“ anmerkt: dazu „passt eine rabbinische Geschichte: Es steht geschrieben, im Buch Exodus 826,1ff): mache mir, spricht Gott, einen Platz in der Welt, dass ich unter euch wohne. Nehmt dazu fünfzig goldene Haken, um die Teppiche zu verbinden. Durch diese fünfzig goldenen Haken wird eine Wohnung Gottes, von der es in der Offenbarung des Johanns dann heißen wird: Seht da, die Hütte Gottes unter den Menschen. Also diese fünfzig Halen, woher kommen diese? Die Rabbinen lehren nun: Haken, das heißt und bedeutet hebräisch ‚waw’ – das aber ist geschrieben und gesprochen ein Wort, das heißt zu Deutsch: ‚Und’ – also will der Text sagen: Gott will in dieser Welt ein Haus finden durch fünfzig ‚goldene Und’. Davon stehen neunundvierzig in der Schrift. Die muß man suchen, durch studieren natürlich! Zwei will sogleich mal verraten: 1. Am Anfang schuf Gott Himmel UND Erde – wenn dieses UND fehlte!, Begrich, Trostpreisungen, Waltrup 2005. S. 157 
3 Jürgen Ebach weist in seinem Aufsatz „Die Bibel beginnt mit ‚b’, in Ders. Gott im Wort. Studien zur biblischen Exegese und Hermeneutik“ Neukirchen 1997 auf die Möglichkeit folgender Übersetzung hin: „Als Gott begann, Himmel und Erde zu schaffen – die Erde war nämlich zuvor toh-huwabohu gewesen und Finsternis auf der Urflut und Gottes Geistwind schwebend auf den Wassern, da sprach er, Gott, Licht werde, und Licht wurde.“ (S. 87) Diese Übersetzung ist darum entscheidend, weil Gott nicht so sehr der absolute Anfang und seine souveräne Setzung interessiert, sondern der relative Beginn, der in seiner ersten Tat anhebt, welche sein Sprechen bedeutet mit der Intention: „Es werde Licht“. Nach dieser Deutung markierte Vers 1 „keinen absoluten, sondern einen relativen Beginn, , nicht d e n Anfang, sondern den Beginn von etwas Bestimmten. V. 2 blickt dann hinter diesen Beginn zurück auf die Welt 
v o r der Schöpfung. Schöpfung ist nicht die Erschaffung eines Etwas aus dem Nichts, sondern die Umgestaltung eines ‚chaotischen’, Leben verhindernden in eine geordnete, Leben ermöglichende Welt.“ (88)

Jakob Taubes hat folgende Begebenheit erzählt. „Ein Flüchtling nach dem Aufstand in Ungarn 1956 fand bei Freunden in Wien Unterschlupf. Gemeinsam beriet man, in welches Land der Flüchtling gehen sollte, wo er eine neue Heimat finden konnte. 
Man holte einen Globus und ging viele mögliche Lände durch. Für jedes erwogene Land sprach manches; doch mindestens ebensoviel dagegen. Nach langem Diskutieren seufzte der Emigrant und fragte: „Haben sie keinen anderen Globus?“ (nach Ebach, Reden neue Folge, S. 111)
Die Rabbinen haben nach Ebach die Möglichkeit und Wirklichkeit einer anderen Welt am ersten Buchstaben der Schrift erkannt, die im Hebräischen nicht mit dem „Alef“, sondern mit dem „Bet“ – also dem zweiten Buchstaben des Alphabets beginnt. So zitiert ein Midrasch „Die Ansicht des Rabbi Jehuda ben Oasi, der im Namen des Rabbi Kapra das Bet als ersten Buchstaben der ‚Schrift’ , als Zeichen für die Zahl 2, liest und sagt, es stehe am Anfang, ‚ um dich wissen zu lassen, dass es zwei Welten gibt (nämlich diese und die kommende) (...) So wird die Genesis zum Unterpfand der Hoffnung auf die messianische Erlösung und – so gelesen – verweist bereits der erste Buchstabe auf die kommende Welt.“ (Nach Ebach, Warum die Bibel..., S. 93) – Der Kreationismus wird nach dieser Lesart komplett ad absurdum geführt. Er stünde geradezu gegen eine buchstabengetreue Lesart der Heiligen Schrift, die bereits im ersten Buchstaben von der Zukunft handelt und nicht vom vergangenen und vergehenden. 


Zu den Überlegungen, wie diese Welt aus Himmel und Erde „erklärt“ werden kann jenseits rein naturwissenschaftlicher Denkkategorien um Zeichen einer jüdischen Mystik, sei auf Friedrich Weinreb verwiesen, auf seine beiden Bücher: „“Schöpfung im Wort. Die Struktur der jüdischen Überlieferung. 2. Auflage, Weiler im Allgäu 2002, , in dem er im Vorwort schreibt: 
„Angesichts des immer weiter voranschreitenden Verlusts des Wissens vom Wie und Warum des Lebens, wodurch man steuerlos wird und sich im Grund unbefriedigt und unglücklich fühlt glaubte ich, eine solche Zeit rechtfertige es, auf die Existenz dieses Reservoirs an Wissen und Weisheit hinzuweisen.“ (15). 
Und weiter: „Diese Zeit des tragischen Pessimismus verlangt nach der Wiederherstellung von Gewissheiten, um die herum es wieder sinnvoll ist, ein neues Lebenund eine andere Welt aufzubauen.“ (16) 
Als grundsätzliche Einführung ist es aufregend zu stöbern in „F. Weinreb, Buchstaben des Lebens. Das hebräische Alphabet. Erzählt nach jüdischer Überliegerung.2. Aufl. Weiler 1990

Vgl. Abraham j. Heschel. Der Sabbat. Seine Bedeutung für den heutigen Menschen, Neukirchen-Vluyn 1