Museum ohne Ausgang (Februar 2012)

 

Besuch des Felix Nussbaum-Museums 


Museum ohne Ausgang

Der Besuch des Felix Nussbaum-Museums ist ein Erlebnis für alle Sinne. Man mag es kaum glauben, aber im Museum selbst gibt es keine 90°-Winkel, dafür aber sehr kleine Fenster, die nur wenig Licht in die Räume lassen. Der Boden ist uneben und zwischendurch sind immer mal wieder Betonmauern zu erkennen. Das Museum wirkt dadurch erdrückend, einengend, verunsichernd. Interessant sind auch die verarbeiteten Materialien. Das Museum lässt sich allein schon in diesem Aspekt in drei Abschnitte unterteilen. Dafür wurde im ersten Abschnitt die deutsche Eiche verwendet, im zweiten überwiegt Beton und im letzten Zink.

Doch warum sollte jemand so ein Gebäude entwerfen?



Der Grund dafür wurde den Exkursionsteilnehmern des Deutschgrundkurses des 4. Semesters und des Deutschleistungskurses des 6. Semesters des Comenius-Kolleges während einer sehr interessanten Führung erklärt. 

Der Architekt dieses Gebäudes, Herr Libeskind, hatte dabei eine klare Vorstellung. 
Denn nicht nur das Museum lässt sich in drei Abschnitte einteilen…

Felix Nussbaums Leben gliedert sich ebenfalls in drei Lebensabschnitte.
So symbolisiert der erste Abschnitt aus Holz seine Jugend. Dieses warme Material sorgt für ein angenehmes Gefühl bei den Besuchern.
An den Werken aus seiner Jugend wird die Liebe zu seiner Familie und ganz besonders zu seinem Vater erkennbar. Felix Nussbaum hat in den Porträts seiner Eltern durch viele Kleinigkeiten den jeweiligen Charakter herausgearbeitet. So kann man z. B. am schief sitzenden Hut des Vaters dessen Humor erkennen.
Der 1904 in Osnabrück geborene jüdische Maler lebte ab 1933 in Belgien im Exil. Dieser Lebensabschnitt wird durch die Verwendung des deutlich kälter wirkenden Betons betont. Dieses Material sowie die sehr kleinen Fenster sollen Nussbaums deutlich schwierigere Lebenslage darstellen und ein Unwohlsein bei den Besuchern auslösen.
Interessanterweise weiß der Museumsbesucher spätestens hier durch die Architektur nicht mehr, wo Norden, Osten, Süden oder Westen ist.
Im Exil malte Felix Nussbaum oft doppeldeutig. Dabei haben seine Bilder zu der Zeit auf den ersten Blick einen sofort erkennbaren Sinn, bei genauerer Betrachtung jedoch wird klar, dass der Künstler in den Bildern eine zweite Bedeutung versteckt hat. So kann man z. B. durch einen doppelten Schatten in seinem Werk „Selbstbildnis mit Judenpass“ die Ecke als „in die Ecke gedrängt“ empfinden oder aber man sieht hier eine Fluchtmöglichkeit. Auch verdeutlicht er hier seine jüdische Abstammung. Dabei macht er aber durch das Tragen eines Hutes auf seinem Passfoto deutlich, dass er sich nicht als minderwertigen Menschen sieht. Dieses Bild schwankt zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. 

Die letzte Phase seines Lebens ist durch Verfolgung und den Verrat geprägt. 1944 wird auch er verraten und mit Zwischenstationen nach Auschwitz deportiert, wo er stirbt. 
Auffällig ist, dass er nach der Ermordung seiner Eltern im Februar 1944 nicht mehr doppeldeutig malt. In seinen letzten Werken ist dafür der Tod allgegenwärtig. Die Personen wirken fast nur noch durchscheinend und geisterhaft. In seinem letzen Werk „Triumph des Todes“ von 1944 ist alles Lebenswerte zerstört, nur noch ein paar Skelette spielen auf Knocheninstrumenten. Dieses Bild strahlt pure Hoffnungslosigkeit aus. 

Für Felix Nussbaums letzten Lebensabschnitt hat Libeskind überwiegend Zink gewählt. Dieses Material ist das kälteste der drei, wodurch die Ausweglosigkeit und die Endgültigkeit der Verfolgung und des Todes betont werden.
Passenderweise endet an dieser Stelle auch der Rundgang durch das Museum, so dass der Besucher gezwungen ist, den Rückweg anzutreten. So hat der Rundgang, genauso wie Felix Nussbaums Leben, ein abruptes Ende gefunden. 

Doch wieso wird das Felix Nussbaum Museum auch Museum ohne Ausgang genannt?
Die Antwort liegt in der Architektur des Gebäudes. 
Da es keine rechten Winkel gibt, sind die Ecken entweder sehr breit oder sie ragen sehr spitz in den Raum hinein. Dadurch entsteht ein sehr ungewohntes Bild, welches dadurch verstärkt wird, dass die Türen in den Wänden fast verschwinden und nicht unbedingt in die gewünschte Richtung führen. So kommt es nicht selten vor, dass sich mal jemand verirrt und den Ausgang nicht wieder findet. Zum Glück sind wir durch dieses Gebäude geführt worden und ein Großteil der Exkursionsteilnehmer ist der Meinung:
Dieses Museum ist auf jeden Fall einen ersten und auch zweiten Besuch wert. 
Nadine Wessels