Die einstige Stimme des Widerstandes

 

Der 80-jährige Franziskanerpater Osmar Gogolok ist seit Jahrzehnten Leiter des Instituts für Brasilienkunde am Mettinger Comenius-Kolleg. Sein Mitbruder Donatus Kestel ist der Bibliothekar. Das Institut wurde 1969 gegründet.

METTINGEN. Das waren spannende Zeiten damals: Anfang der 70er Jahre bekam der Franziskaner-Konvent in Mettingen Post aus dem Vatikan. Rom schickte das Schriftstück eines Bischofs aus Nordbrasilien über die Machenschaften der Militärdiktatur und die prekäre Armut der brasilianischen Bürger. Der Titel: „Ich hörte die Schreie meines Volkes“.

 „Der Text war in Brasilien verboten“, sagt Pater Osmar Gogolok. Hauptaufgabe für das Institut für Brasilienkunde in Mettingen damals: solche Schriften zu übersetzen. Schließlich sollte die Weltöffentlichkeit erfahren, was in dem südamerikanischen Land passierte. „Wir mussten die Stimme des Widerstands sein, die Stimme der Kirche“, erklärt Osmar. Eine Stimme, die gehört wurde. Gegen die damalige Militärdiktatur.

Der 80-jährige Franziskanerpater ist seit Jahrzehnten Leiter des Instituts für Brasilienkunde am Mettinger Comenius-Kolleg. Sein Mitbruder Donatus Kestel ist der Bibliothekar. Das Institut wurde 1969 gegründet. Ab 1970 gaben die Franziskaner in Mettingen den Pressedienst heraus. Pater Osmar und seine Mitbrüder werteten brasilianische Zeitungen aus und übersetzten die Berichte.

Ein Job, der nicht ungefährlich war. Als Pater Osmar seinen Orden damals in Brasilien besucht hatte, bestanden seine Mitbrüder darauf, ihn bis zum Flughafen von Recife zu begleiten. Tatsächlich versuchten die Behörden mehrfach, den Pater einzuschüchtern. Und er weiß nicht, ob er tatsächlich in das Flugzeug nach Deutschland hätte steigen können, wenn seine Mitbrüder nicht bis zum Abflug dabei gewesen wären.

Mehr als 40 Jahre später umfasst das Institut für Brasilienkunde rund 45 000 Publikationen, Bücher und Dokumente. Es ist die größte Fachbibliothek zu Brasilien im deutschsprachigen Raum. 1979 gründeten die Franziskaner außerdem den Brasilienkunde-Verlag. In der sogenannten blauen Reihe sind unter den Titeln „Aspekte der Brasilienkunde“ und „Beiträge zu Brasilien“ zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten erschienen. Viele Studierende nutzen bis heute das Angebot, ihre Doktorarbeiten im Brasilienkunde-Verlag zu veröffentlichen. Auch das hat die Fachbibliothek stetig wachsen lassen.

Das Institut ist im Gebäude des ehemaligen Studienheims neben dem Comenius-Kolleg untergebracht. Pater Osmar hat ein paar Werke der blauen Reihe auf den Tisch gelegt. Ein Buch beschäftigt sich mit der Ernährungsgeschichte im brasilianischen Kaiserreich, ein anderes mit der zivilen Regierungspartei unter den Bedingungen der Militärherrschaft.

In der Bibliothek sind aber auch schöngeistige Arbeiten zu finden. Der Franziskaner blättert in einem brasilianischen Sonettband. Die Verse darin sind auf Portugiesisch und auf Deutsch zu lesen.

Den Pressedienst hat das Institut vor zwei Jahren eingestellt. „Bei dem Angebot im Internet lohnte das sich nicht mehr“, erläutert Pater Osmar. Allerdings gibt es noch den Informationsdienst über Brasilien und Publikationsreihen wie den Brasilien-Dialog. Verlag und Institut konnten unter anderem mit Spenden und mithilfe des Comenius-Kollegs finanziert werden. „Und der Pressedienst hat Geld eingebracht“, sagt der Geistliche. So sei man über die Runden gekommen.

Im Oktober ist das Institut für Brasilienkunde auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. „Der Schwerpunkt der Messe liegt diesmal auf Brasilien“, erzählt Pater Osmar. In Frankfurt wird es eine Ausstellung von mehreren Büchern aus der Mettinger Fachbibliothek geben. Der Franziskaner selbst wird ebenfalls zur Buchmesse fahren. Dort wird er sicherlich auch das eine oder andre Mal an die spannende Anfangszeit des Instituts für Brasilienkunde zurückdenken.

Studienheim und Comenius-Kolleg
Die Patres der nordbrasilianischen Franziskanerprovinz kamen 1960 nach Mettingen und gründeten das Franziskanerkloster an der Sunderstraße. 1964übernahmen sie die Leitung der Rektorats- und Realschule. 1965 nahm das Studienheim St. Franziskus für männliche Spätberufene die Arbeit auf. 1967 wurde Pater Osmar Gogolok Leiter des Studienheims, aus dem 1972 das Comenius-Kolleg hervorging. Als Einrichtung des zweiten Bildungsweges können Männer und Frauen dort ihr Abitur machen. Am angeschlossenen Studienkolleg haben Studierende aus dem Ausland die Möglichkeit, ihre Zugangsberechtigung für deutsche Universitäten zu erlangen. Pater Osmar Gogolok hat im Sommer dieses Jahres die Leitung des Comenius-Kollegs abgegeben. Er ist weiterhin Leiter des Instituts für Brasilienkunde.

 

Quelle: IVZ, Oliver Langemeyer vom 13.09.2013

http://www.ivz-aktuell.de/lokales/mettingen_artikel,-Die-einstige-Stimme-des-Widerstandes-_arid,250520.html