Pater Serafin Prein (Januar 2013)
 


Pater Serafin Prein, ofm
- Eine Lebensskizze zum hundertjährigen Geburtstag

\\\"Brasilien ist ein Land mit Zukunft\\\", sagt Pater Serafin Prein. \\\"Das war vor 80 Jahren schon so und heute erst recht. Ich bin froh, dass in diesem Land der Hunger heute systematisch bekämpft wird und noch mehr für die Armen getan wird.\\\" Brasilien ist für Pater Serafin wie seine zweite Heimat, auch wenn er schon seit 1967 wieder in Deutschland, genauer gesagt in Mettingen im Konvent der Nordostbrasilianischen Franziskanerprovinz St. Antonius lebt.

Pater Serafin ist eine Person der kirchlichen Zeitgeschichte, auch wenn er dies vielleicht so nicht sehen würde. \\\"Ich bin ein Ordensmensch, der versucht, nach den franziskanischen Idealen zu leben\\\", sagt er von sich. Dabei hat der 1913 in Metelen als Josef Prein geborene Ordensmann viel für seinen Orden und die Mission bewirkt. Nach seiner schulischen Ausbildung am Missionsgymnasium im Kloster Bardel bei Gronau zog es ihn 1932 nach Brasilien, wo er in Olinda und Salvador (Bahia) an den Hochschulen des Franziskanerordens Theologie und Philosophie studierte.

Nach seiner Priesterweihe im Jahre 1937 wirkte er im Nordosten Brasiliens als Volksmissionar, der die Nöte der von häufigen Dürren geplagten Gläubigen erkannte und ihr Gottvertrauen stärkte. Als stets einsatzbereiter Ordensmann unterstützte er die Arbeit seiner Mitbrüder in den Pfarrgemeinden, baute Kirchen und soziale Stationen für Alte und Kranke. Seine Brasilien-Arbeit unterbrach er nur für kurze Zeit, um Anfang der 50er Jahre am Wiederaufbau des Missionsgymnasiums in Bardel mitzuwirken, das während der Zeit der Nazi-Diktatur aufgelöst worden war.


Im Jahre 1955 wurde Pater Serafin für 12 Jahre zum Provinzial seines Ordens in Brasilien gewählt. In seiner ersten Amtsperiode feierte die Provinz vom hl. Antonius ihr 300jähriges Bestehen. Diese „Tricentenário“ des Jahres 1957 gestaltete Pater Serafin als großes historisches Ereignis für Brasilien. Soziologen wie Gilberte Freyre und Historiker wie Pedro Calmon würdigten in Veranstaltungen uns Symposien die Verdienste der Franziskaner für die brasilianische Geschichte. Der Provinzial hob aus diesem Anlass die Klausur der Konvente von Recife und Salvador auf. Damit wurden die mit Blaufliesengemälden geschmückten Klaustren der Konvente zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Neben dem besonders ausgeprägten Einsatz der Provinz für soziale Projekte und neue pastorale Ansätze - so gründeten Mitbrüder sehr früh die ersten Basisgemeinden im Nordosten - unterstützte Pater Serafin das Engagement für die indianischen Völker. In seiner Amtszeit wurde die Mission unter den Tirió-Indianern begonnen. Dabei respektierten die Missionare deren kulturelle Identität. Gleichzeitig versuchten sie das indigene Volk auf Kontakte mit der auf sie zustrebenden brasilianischen Zivilisation vorzubereiten.
\\\"Wir waren fortschrittlich und haben später die \\\'Theologie der Befreiung\\\' unterstützt\\\", sagt Pater Serafin, den eine enge Freundschaft mit dem Erzbischof von Recife, Dom Hélder Câmara, verband. \\\"Anfangs war unser Verhältnis getrübt, weil der Erzbischof dachte, wir würden unlautere Finanzgeschäfte machen\\\", erinnert sich Pater Serafin. Damals habe seine Ordensprovinz ein Bürogebäude bauen lassen, aus dessen Mieterlösen noch heute soziale Projekte und Bildungsprojekte gefördert werden. Zu dem Zeitpunkt stand vor allem die finanzielle Absicherung des Franziskanerkollegs in Ipuarana im Blick der Provinz.
Seine Gespräche mit dem Erzbischof bildeten später den Hintergrund des Einsatzes des Ordens gegen die Repression der Militärs in Brasilien und für die \\\"Theologie der Befreiung\\\". Dessen prophetischen Einsatz für die Armen und gegen die Gewalt versuchte Pater Serafin zusammen mit den Mitbrüdern der Missionszentrale in Bonn und dem 1969 aus diesem Anlass gegründeten Institut für Brasilienkunde in Mettingen in den deutschen Kontext zu buchstabieren. Als die deutschen Bischöfe die Hilfsaktion \\\"Adveniat\\\" gründeten, war es Pater Serafin, der Anfang der 1960er Jahre den \\\"Adveniat-Bischof\\\" Franz Hengsbach bei seiner Kontaktreise durch Brasilien begleitete und anschließend erfahrene Mitbrüder für den Ausbau der Bischöflichen Aktionen zur Verfügung stellte.
Im Kontext des Gesamtordens setzte er sich für die Gleichberechtigung der Laienbrüder ein. Er berief das erste Mal in einer Provinz ein Kapitel für Laienbrüder. Als er diese Initiative auf dem Generalkapitel in Assisi vortrug stieß er bei dem damalige Generaloberen Pater Sepinski auf wohlwollende Skepsis. Bald fand aber diese Initiative im Orden ein weltweites Echo. Noch heute erinnern sich Mitbrüder an den befreienden Durchbruch im Orden, der vom Ordens- und Kirchenrecht erst langsam rezipiert wurde.
Als in den 60er Jahren eine Austrittswelle den Orden erreichte, war er stets bemüht die Gründe der Austrittswilligen ernst zu nehmen und mit ihnen im Gespräch zu bleiben. So überdachte mancher Mitbrüder seine Entscheidung. Alle aber behielten den Orden in positiver Erinnerung und blieben auch in ihrem neuen Lebensabschnitt dem Orden und der Kirche verbunden. Das bewies im Oktober 2012 eine Internet-Skype-Begegnung, in der ehemalige Schüler von Ipuarana und Mitbrüder am Bildschirm ihren Dank aussprachen, zum kommenden 100jährigen Geburtstag gratulierten und nach einem gemeinsamen Gebet den Segen Pater Serafins via Internet empfingen.

Von 1967 an förderte Pater Serafin von Mettingen aus die Berufungspastoral der Franziskaner in Deutschland. Mit seiner personellen und finanziellen Unterstützung konnte die Umwandlung des Studienheims St. Franziskus für Spätberufene in den Aufbau des heutigen Comenius-Kollegs in Mettingen erfolgen, einem Institut zur Erlangung der Hochschulreife für Erwachsene mit ökumenischer Orientierung und dem entwicklungspolitischen Schwerpunkt Brasilien. Nach der Gründung des Studienkollegs für ausländische Studierende im Jahre 1992 half Pater Serafin manchem Brasilianer in privaten Kolloquien die Eigenarten der deutschen Grammatik zu erfassen.

Bis zu seinem 95. Lebensjahr hielt Pater Serafin Hunderte von Exerzitien und Einkehrtagen in ganz Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Seine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Gottesverständnis in Bibel und Welt, seine Ordenserfahrung in unterschiedlichen kulturellen und spirituellen Kontexten vermochten Mitbrüdern und Mitschwestern Mut und Trost zu vermitteln. Bis heute ist Pater Serafin in der Krankenhausseelsorge tätig, liest dort täglich die heilige Messe. Seit 18 Jahren unterstützt der 100-Jährige die Aids-Hilfe in Osnabrück. \\\"Unser Einsatz gilt den Menschen am Rand\\\", betont er in aktuellen Presse- und Fernsehinterviews. Pater Provinzial Marconi Lins unterstreicht die Aussage, wenn er schreibt: „Wir sind glücklich über Dein Lebenswerk und für das historische Zeugnis, das Du mit Deinem franziskanischen Leben hier in Brasilien und in Deutschland gegeben hast.“
fr. Osmar