Was mich überraschte als ich in Ghana ankam. (Nov. 2016)

Aus einem Projekt des Deutschunterrichts von Karin Thomas im Studienkolleg des 2. Semesters im Wintersemester2016/17. Der Text stammt von Kimberley Addy, die zur Zeit das Studienkolleg des Comenius Kollegs in Mettingen besucht. Ihre Eltern stammen aus Ghana. Sie ist jedoch in Berlin geboren und lebte dort 14 Jahre lang. Von ihrem 14. Lebensjahr an wohnte sie für vier Jahre in Ghana. Aus dieser Zeit stammt ihr Bericht.

 

„In wenigen Minuten erreichen wir ‘Kotoka International Airport’, Accra“, sagte die Flugbegleiterin in das Mikrofon. August 2010 bin ich mit meiner Familie nach Ghana gezogen. Von meinem Fensterplatz aus konnte ich die vielen Lichter von unten sehen. Es gab also Licht in Ghana, dachte ich zu mir selbst. Am Flughafen wurden wir von ein paar Verwandten abgeholt.

Unser neues zu Hause war riesig im Vergleich zu unsere Wohnung in Berlin. Meine Eltern erklärten mir, dass es unser Familienhaus war. Jede Familie in Ghana hat ein Familienhaus. Es wohnten insgesamt 21 Leute – alles Verwandte - in diesem Haus: Großtanten, Cousins, Tanten und Onkel. Von den Meisten hatte ich noch nie ein Wort gehört, aber wir waren alle verwandt. Die Frauen kochten jeden Tag für die ganze Familie. Wenn man zum Einkaufen ging, musste man für die ganze Familie einkaufen. Ich wollte mir einmal eine Tasse Tee machen und musste am Ende 18 Tassen Tee machen. An das Großfamiliensystem musste ich mich noch gewöhnen. Als ich nur mit meinem Eltern und Bruder wohnte, war es viel einfacher sich für einen Fernsehprogramm zu entscheiden.

Zu Hause gab es kaum fließendes Wasser. Regelmäßig mussten wir Wasser kaufen um die Wasserreservoirs zu füllen. Trinkwasser mussten wir immer extra kaufen. Schlimmer fand ich aber den Stromausfall. Manchmal gab es zwei Tage und Nächte keinen Strom. Ohne einen Ventilator zu schlafen war sehr schwer. Fenster konnte man nachts nicht aufmachen wegen der Mücken. Schwitzen war jedem lieber als Malaria.

Interessant fand ich auch wie es fast überall Tiere gab. Am häufigsten sah man Hühner, Ziegen und Kühe. Ich hatte einmal eine Kuh mit einer Ziege verwechselt. Die Kuh war nicht einmal halb so groß wie die kleinste Kuh, die ich in Deutschland gesehen hatte. Das lag einfach daran, dass Tiere in Ghana zwar Besitzer haben, trotzdem aber ihrem eigenen Schicksal überlassen werden. Sehr selten füttern die Besitzer ihre Tiere.

Mein erster Schultag in Ghana war der reine Albtraum. Die erste Überraschung war die hässliche Schuluniform. Es gab sie nur in einer Größe und man durfte sie nicht enger machen. Meine Haare, Nägel, Schminke und Schuhe wurden alle bei der Schulleitung kritisiert. Die Haare sollte ich abrasieren. Schminke durfte ich nicht tragen, nur schwarze Schuhe mit weißen Socken waren erlaubt, kein Nagellack und keine langen Nägel. Die Strafe, wenn man gegen die Regeln verstieß, war gleich. Man wurde geschlagen. Hausaufgaben nicht gemacht, Uniform nicht richtig gebügelt, lange Fingernägel, kam man zu spät oder man war zu laut. Wir waren Schülerinnen und Schüler zwischen 17 und 20 Jahre trotzdem wurde es uns strengstens verboten in einer Beziehung zu sein. Auch dafür wurden wir geschlagen. Ich konnte mich nicht an das Schulsystem gewöhnen. Als ich Deutschland verließ, fühlte ich mich schon wie eine erwachsene Frau. Was Kleidung, Frisuren oder auch Beziehungen anging hatten meine Eltern mir schon vertraut. Mich abrasieren zu lassen und so sehr unter der Kontrolle der Schule zu sein, machte mich sehr verletzlich und sorgte dafür, dass ich meine Reife doch noch in Frage stellte. Ich konnte nicht verstehen wie die Schule so sehr in mein privates Leben eingreifen durfte. Ich kam mir sehr hilflos vor und unterwarf mich dem Schulsystem.

Transportsystem in Ghana. Es gab keinen Fahrplan und sehr wenige Bushaltestellen. Die Busse hielten sowieso überall und nirgends. Sah man einen Bus vorbei fahren, musste man hinterher rennen und rufen bis der Fahrer anhielt. Was chaotischeres dürfte es nicht geben. Man konnte sich nicht auf den Bus verlassen. Züge gab es nicht und gibt es immer noch nicht. Es war einfacher mit dem Taxi zu fahren. Es war zwar teurer, aber trotzdem viel billiger. Die Taxis konnte man allerdings nicht anrufen, sondern man musste schon zur Taxistation oder ein Taxi beim Vorbeifahren stoppen. Irgendwie klappte es.

In Ghana konnte man alles auf der Straße kaufen: Fleisch, Gemüse, Getränke usw. Die Ware wurde auf dem Kopf getragen. Die Verkäufer waren sehr schnell und geschickt. Bevor die Ampel grün wurde, hatten sie dir schon deinen Einkauf und Wechselgeld gegeben. Große Märkte und Supermärkte gab es auch, aber dieses „Einkaufen to –go“ fand ich sehr faszinierend.

Meine größten Enttäuschungen waren wohl, als zu Ostern der Osterhase nicht kam, der Nikolaus nicht kam und das es überhaupt kein Halloween gab. Zu Weihnachten gab es keinen Schnee und keinen Weihnachtsmarkt...kein Schlittschuhlaufen. Obwohl meine Eltern ihr Bestes gaben, um uns ein deutsches Weihnachtsfest zu ermöglichen, war es bei 38 Grad natürlich nicht dasselbe.

Mir hatte Ghana sehr gefallen. Ein Teil von mir passt perfekt in diese Kultur rein, der andere Teil aber nicht. Die vier Jahre in Ghana waren mir sehr wichtig. Mir wurde bewusst,dass ich mein ganzes Leben lang zwischen Ghana und Deutschland pendeln würde. Ghana reicht nicht aus und Deutschland auch nicht. Für mich ist Heimat sowieso, wo meine Familie ist.