METTINGEN
Schulrechtsänderungsgesetz: Aufatmen am Comenius-Kolleg
Entwurf sorgt für viel Unruhe
IVZ, 22. Mai. 2020 – 17:07 Uhr
von Oliver LangemeyerHelmut Kellinghaus (l.), Vorsitzender der Deutsch-Brasilianischen Studienstiftung St.
Antonius, und Schulleiter Thorsten Bahlmann atmen auf. Im 15.
Schulrechtsänderungsgesetz soll noch ein Bestandsschutz für das Mettinger
Comenius Kolleg verankert werden. Damit ist die Zukunft des Studienkollegs
gesichert. Der NRW-Landtag will am Mittwoch über das Gesetz entscheiden.

Helmut Kellinghaus und Thorsten Bahlmann ist die Erleichterung anzusehen. Nach Wochen der Ungewissheit, unzähligen Briefen, EMails und noch mehr Telefonaten bleibt das Studienkolleg in Mettingen erhalten. Der Vorsitzende der Deutsch-Brasilianischen Studienstiftung St. Antonius und der Schulleiter können aufatmen.

Nach dem 15. Schuländerungsgesetz, dass der NRW-Landtag in der kommenden Woche verabschieden will, sollten die als Ersatzschule staatlich genehmigten Studienkollegs aufgelöst werden. Die Regierungsparteien von CDU und FDP fanden offenbar, dass die 1,5 Millionen Euro Kosten pro Jahr zu hoch seien. Dafür sei der Anteil an Absolventen, die später eine Hochschule besuchen, außerdem zu gering. Für Kellinghaus und Bahlmann erwies sich zudem als besonders tückisch, dass die drohende Schließung des Kollegs eher als Randnotiz daher kam: Zunächst geht es im 15. Schulrechtsänderungsgesetz um Anpassungen von Datenschutzregelungen im Schulbereich. Im folgenden heißt es dann, dass im Zuge dieses Gesetzes auch schulrechtliche Vorschriften „angepasst und bereinigt“ werden sollen. Erster Punkt: Auflösung der Studienkollegs. Neben Mettingen wäre ein weiteres Kolleg in Bochum.

Der Gesetzentwurf entstand schon im vergangenen Jahr. „Ich bin auf die Vorlage erst im Februar durch Zufall gestoßen“, berichtet Thorsten Bahlmann. Das Kolleg sei über die Pläne nicht informiert worden. Bahlmann rief den Stiftungsvorsitzenden Helmut Kellinghaus an und dann liefen die Drähte heiß. Der ehemalige Mettinger Bürgermeister aktivierte seine Kontakte, schaltete unter anderem das Katholische Büro NRW mit Leiter Dr. Antonius Hamers sowie den Städte- und Gemeindebund ein. Außerdem sprachen Kellinghaus und Bahlmann mit den Landesabgeordneten Frank Sundermann (SPD) und Andrea Stullich (CDU) und informierten NRW-Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Darüber hinaus schrieben sie eine Stellungnahme an den Landtag. Darin bringen sie ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass das Studienkolleg, an dem jährlich rund 220 junge Menschen aus dem Ausland ihre Zulassung für eine Hochschule erwerben, geschlossen werden soll. Sie verweisen darauf, dass von den jährlichen Absolventen inzwischen gut die Hälfte später an einer Hochschule in NRW studiert. Zudem nehmen die Studierenden am Leben im Ort teil, kaufen dort ein, zahlen Miete. Daher verursachten sie nicht nur Kosten, argumentieren Bahlmann und Kellinghaus.
Ferner machten die beiden auf die Integrationsleistung zugewanderter Schüler am Kolleg aufmerksam. Und: „Studienkollegs bieten hochqualifizierten Flüchtlingen die Möglichkeit, sich für ein Studium in Deutschland zu qualifizieren.“ Außerdem stehe das Comenius- Kolleg seit jeher auch für einen interreligiösen Dialog. Eine Beschränkung der Studienkollegs rein auf private Träger führe wiederum zu einer „Bildungsungerechtigkeit“. Stichwort Bildung: Der Landtagsabbgeordnete der SPD, Frank Sundermann, äußerte in einem Schreiben an NRW-Schulund Bildungsministerin Yvonne Gebauer ebenfalls sein Unverständnis über die Schließungspläne. In Zeiten des Bildungsnotstandes sei es nicht nachvollziehbar, eine Schule zu schließen, sagte er. Schulleiter Thorsten Bahlmann verdeutlicht, dass es ohne das Studienkolleg auch für die Weiterbildungseinrichtungen mit der Möglichkeit zum Abitur auf dem zweiten Bildungsweg in Mettingen eng geworden wäre. Von 350 Studierenden wären rund 200 weggefallen.
Der „Telefonmarathon“ von Helmut Kellinghaus zahlte sich letztlich aus. Am Donnerstagabend habe er einen Anruf von Karl-Josef Laumann erhalten. Demnach soll es einen Änderungsantrag zum Schulrechtsänderungsgesetz geben. Darin werde der Bestandsschutz beider Studienkollegs festgeschrieben.

 

Kommentar von Oliver Langemeyer: Menschen und Meinungen

Unnötige Unruhe – Zukunft des Comenius-Kollegs

Als wenn nicht auch das Mettinger Comenius-Kolleg mit der Organisation des Unterrichts in Coronazeiten schon genug um die Ohren hätte. Da kommt aus der Landeshauptstadt noch ein Gesetzentwurf daher, der das Studienkolleg quasi durch die Hintertür per Handstreich kassieren wollte. Mit den Verantwortlichen vor Ort haben die Macher aus Düsseldorf vorher nicht gesprochen. Dafür war der Passus im Gesetzentwurf so gut versteckt, dass er beinahe nicht bemerkt worden wäre. Dieses Gebaren des Schulministeriums ist mehr als befremdlich. Gut, dass Schulleiter Thorsten Bahlmann von den Plänen der Landesregierung noch rechtzeitig Wind bekam. Noch besser, dass mit Helmut Kellinghaus ein ehemaliger Bürgermeister mit besten Verbindungen Vorsitzender der Deutsch-Brasilianischen Studienstiftung St. Antonius ist. Er konnte seine Kontakte aktivieren und damit, so wie es aussieht, die Schließung des Studienkollegs verhindern.
Dabei stand viel auf dem Spiel:
Eine Weiterbildungseinrichtung, die zahlreichen Menschen aus dem Ausland Jahr für Jahr die Möglichkeit bietet, in Deutschland zu studieren, die sich angesichts wachsender Zuwanderung als Integrationsfaktor versteht, die Menschen auf dem zweiten Bildungsweg den Weg zum Abitur eröffnet
und die sich damit weit über Mettingens Grenzen einen Namen gemacht hat. Die Argumente, das Kolleg zu erhalten, sind vor dem Hintergrund, dass Politiker nicht müde werden, die Bedeutung von Bildung hervorzuheben, nur allzu offensichtlich.
Aber abgesehen davon, muss den Verantwortlichen am Comenius-Kolleg die beabsichtigte Schließung wie blanker Hohn vorkommen. Da gründen Mettinger Bürger vor rund zwei Jahren eine Stiftung, um die Trägerschaft des Kollegs zu übernehmen und damit den Bestand der Einrichtung zu sichern. Sie sammeln Spenden und setzen sich fortan dafür ein, das Schulgebäude fit für die Zukunft zu machen. All die Arbeit wäre mit einem Schlag umsonst gewesen. Umso zwingender wäre es erforderlich gewesen, mit Stiftungsvorstand und Schulleitung einmal vorher über die Schließungsabsichten zu sprechen. Das ist eine Frage des Respekts vor allen, die sich für das Kolleg einsetzen und dort arbeiten. Auch wenn sich jetzt ein positives Ende abzeichnet: Die Landesregierung hat unnötig für viel Unruhe gesorgt, in Zeiten, in denen Vertrauen wichtig ist.
Oliver Langemeyer