Zum Ende eines der ungewöhnlichsten Semester in der Geschichte des Comenius-Kollegs und des merkwürdigsten Halbjahres im Nachkriegsdeutschland überhaupt verabschieden wir unsere Kollegin und stellvertretende Schulleiterin, die vier Jahrzehnte lang die Schule geprägt  und viele Jahre ihre Geschicke mitgestaltet hat.

Susanne Böttcher hat nach ihrem Studium in Osnabrück und dem Referendariat am Burg-Gymnasium in Bad Bentheim im September 1982 mit den Fächern Biologie und Deutsch am Comenius-Kolleg begonnen.  Sie feierte gerade ihre erste Festanstellung und das Comenius-Kolleg bereits das 10-jährige Bestehen.

Sie erinnert sich noch gut an die Zeit vor 38 Jahren:

„Das war noch die Zeit, als die jungen Leute im Kolleg langhaarig, in Lederhosen und mit Nena-Haarschnitt zum Kolleg kamen und strickend im Unterricht saßen, dabei aber aufgeschlossen, kritisch und noch voller Tatendrang die Welt zu verändern!“

Zu Beginn ihrer Lehrtätigkeit war Susanne kaum älter als die meisten Studierenden.

Die älteren Kolleginnen und Kollegen erinnern sich sicherlich noch an den zweitwichtigsten Treffpunkt nach dem Lehrerzimmer: die Mettinger Pinte „Kleine Fluchten“. Vor allem nach den Konferenzen war es üblich,  in gemütlicher Runde noch alle offenen und weniger offenen Fragen weiter oder nochmals „durchzudiskutieren“. Diese Treffen hat Susanne besonders gepflegt, weil sie davon überzeugt war, dass diese Form der Kommunikation den Zusammenhalt im Kollegium stärken würde. Kein schlechter Gedanke, vielleicht auch für unser Kollegium heute  empfehlenswert.

Auf die Frage, welche Ereignisse und Aktivitäten in den letzten 38 Jahren für Susanne wichtig waren, würde sie sicher folgende anführen:

Die „Eine Welt Tage“, die zu Beginn ihrer Zeit noch in Hopsten abgehalten wurden und deshalb auch Hopsten-Tage oder Hopsten-Woche genannt wurden; sie fanden  im damaligen Bernhard-Otte-Haus statt. Legendär war neben der inhaltlichen Arbeit aber auch das (gemütliche) Beisammensein am Abend in der Kellerbar, woran Susanne mit großer Leidenschaft teilgenommen hat.

Weiterhin würde sie sicherlich auch  die Bigband im Comenius-Kolleg unter der Leitung von Monika Witte erwähnen; eine wirkliche musikalische Bereicherung.

Große Begeisterung fand bei Susanne auch der philosophische Zirkel, der von Michael Dünckmann und Günter Seeliger initiiert wurde. Sie würde auch auf die Bedeutung der Agape-Feiern im Kolleg hinweisen, in denen nunmehr seit fast 30 Jahren zentrale Fragen des Lebens, des Glaubens und menschlicher Werte im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen bedacht werden.

 

Die vielen Besuche aus Brasilien gehören bestimmt  zu den beeindruckenden Erfahrungen unserer Kolleggeschichte, die Susanne immer aktiv unterstützt hat. In einem Gespräch sagte sie: „Ich habe hier im Kolleg das 1. Mal in meinem Leben einem Bischof die Hand gegeben, es war der nunmehr verstorbene Franziskaner Dom Adriano Hipolito aus Nova Iguacu, einer Millionenstadt am Rande der Metropole Rio de Janeiro.“

Natürlich kamen nicht nur Bischöfe und Ordensangehörige, es waren auch Gewerkschafter, Vertreter von Menschenrechtsgruppen zu Gast, ebenso wie Vertreter/innen von indigenen Gruppen oder Verantwortliche der Fischerpastoral, um nur einige zu nennen.

Susanne hat selbst ganz offen bekannt: „Mich hat das Comenius-Kolleg politisiert, allen voran P. Osmar mit seiner gelebten Option für die Armen. Ich habe ihn immer sehr bewundert, für seine pädagogischen Visionen, zum Beispiel mit der Einrichtung eines Vorkurses für Aussiedler oder mit der Gründung des Studienkollegs.“

Sie erinnert sich gerne an die Zeit: „Damals waren wir durchaus auch laut und wild. Als Bafög-Kürzungen geplant waren, demonstrierten wir (mit einem Sarg) in Düsseldorf – wir wollten den 2. Bildungsweg nicht sterben lassen. Immer wieder gab es Hürden und Probleme – aber wir hielten zusammen, waren solidarisch.“  Und das  mit großem Erfolg bis heute!

„Diese Solidarität war mit Händen greifbar, etwa bei unserem Friedensmarsch nach dem gewaltsamen Tod eines Studierenden, in solchen Momenten spüre ich körperlich, wie stark unser Zusammenhalt, wie fruchtbar und bereichernd unsere Arbeit ist.“

Susanne war bis August 2000 Beratungslehrerin und Mitglied im Lehrerrat.

Ab 2000 hat sie die Stelle der stellvertretenden Kollegleiterin übernommen, um mit ihren administrativen Fähigkeiten, Humor und diplomatischen Geschick das Schulschiff in manchen schwierigen Phasen erfolgreich im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser gehalten.

Für ihr Lebenswerk bedanken wir uns somit vorerst in dieser digitalen Form und freuen uns darauf, sie nach der „Corona-Zeit“ persönlich und ihren Wünschen entsprechend im Kreise des Kollegiums, der Studierenden und Angehörigen angemessen zu verabschieden.

Peter Pogoda und Franjo Röhr