Brasiliengespräch am 9. Dezember 2019

Ein zerrissenes Land kommt nicht zu sich 

An dem Brasiliengespräch in diesem Semester nahmen acht Lehrende und drei Studierende teil. Thematisch ging es in erster Linie um einen allgemeinen Gedankenaustausch über die aktuelle Lage in Brasilien. Außerdem befassten wir uns auch kurz mit der allgemeinen Lage in Lateinamerika, den Ergebnissen der Amazonassynode in Rom sowie der KoBra-Jahrersversammlung in Weimar. Am Schluss beschäftigten wir uns dann noch mit der Frage, wie die „Brasilianität“ wieder stärker an unserer Schule in den Vordergrund treten kann.

Brasilien unter Bolsonaro

(Brasília – DF, 24/04/2019) Pronunciamento do Presidente da República, Jair Bolsonaro.
Foto: Isac Nóbrega/PR

Alle Anwesenden waren sich einig, dass sich die politischen und sozialen Verhältnisse in Brasilien seit dem Amtsantritt Bolsonaros erheblich verschlechtert haben. Aufgrund der evangelikalen Ausrichtung großer Teile der Regierung werden an Schulen und Universitäten alle Unterrichtsstoffe, die mit Sexualität, Geschlechteridentität und sozialer Gerechtigkeit zu tun haben, vom Lehrplan gestrichen. 4.900 Forschungsstipendien für Doktoranden und Hilfswissenschaftler fielen quasi über Nacht dem Rotstift der Regierung zum Opfer. Bolsonaro will die Gesellschaft vom kommunistischen Elementen „säubern“, wobei er unter Kommunismus alles das versteht, was links ist oder sein könnte.

Um die Verhältnisse nachhaltig verändern zu können, sollen Schulen militarisiert werden. Aus dem Dienst ausgeschiedene Militärs sollen in den Schulalltag integriert werden und die Schüler z.B. durch Ansprachen oder Fahnenappelle zur Vaterlandsliebe anhalten.

 

 

Umweltkatastophe in Minas Gerais

Ein weiterer Punkt unseres Gesprächs war die Umweltkatastrophe von Brumadinho im Bundesland Minas Gerais. Im Januar brach dort ein Damm unterhalb eines Minenbetriebs des halbstaatlichen Konzerns Vale: 13 Millionen Kubikmeter verseuchter Schlamm und Wasser wälzten sich talabwärts und forderten 248 Menschenleben. Involviert in diese beispiellose Katastrophe ist auch das deutsche Zertifizierungsunternehmen TÜV Süd, das kurze Zeit vor dem Desaster den Damm für sicher erklärt hatte. Vale musste nun auf Gerichtsbeschluss bereits 2,72 Milliarden Euro für Folgeschäden aus dem Firmenguthaben zurücklegen und auch TÜV Süd, dem auch in Deutschland große Vorwürfe gemacht werden, wird zur Kasse gebeten werden. Die Forderungen der Hinterbliebenen bewegen sich im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich.

Abholzung des Regenwaldes

Fehlende Rücksichtnahme auf Mensch und Natur einerseits und maßloses Gewinnstreben andererseits sind auch verantwortlich für die weitere Zerstörung des Amazonasregenwaldes, die sich in die-sem Jahr auf über 5.000 km² summiert. Damit hat die Waldvernichtung im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zwei Drittel zugenommen. Während Bolsonaro zunächst alle internationale Kritik erbost zurückwies und dann Indianer und Umweltschützer, finanziert durch den international bekannten Hollywoodschauspieler und Umweltschützer Leonardo DiCaprio, beschuldigte, die Brände selbst gelegt zu haben, scheint er sich in letzter Zeit ein bisschen zu mäßigen. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass ihm selbst in Brasilien widersprochen wird und er sogar bei einigen seiner politisch wichtigen Anhänger auf Widerstand stößt. Zu diesen Kritikern zählen Teile des Militärs, Gouverneure der von den Bränden betroffenen Bundesländer und Großgrundbesitzer, die um das Ansehen Brasiliens auf der Weltbühne und um den Absatz brasilianischer Produkte auf dem internationalen Markt fürchten.

Polizeigewalt

Um dieses Ansehen steht es denkbar schlecht. Die Sprunghaftigkeit und die aggressive Rhetorik des Präsidenten, der nicht davor zurückschreckt, seine politischen Gegner massiv zu bedrohen, tragen maßgeblich dazu bei. Es kommt hinzu, dass sich einige seiner Versprechen nicht umsetzen ließen. Brasilien ist weiterhin ein von großer Gewalt geprägtes Land. Gelockerte Waffengesetze haben daran nichts geändert. Mit bisher über 50.000 Mordopfern gehört das Land weiterhin zu den gefährlichsten Regionen der Welt. Jetzt will der Präsident durchsetzen, dass Polizisten nicht rechtlich belangt werden können, wenn sie jemanden im Dienst erschießen. Das soll auch dann gelten, wenn es sich um Unschuldige handelt. Dieses Gesetz, sollte es tatsächlich verabschiedet werden, wäre natürlich ein eklatanter Verstoß gegen die durch die Verfassung festgelegten Menschen- und Bürgerrechte. Allein in Rio kamen in diesem Jahr im Durchschnitt fünf Menschen pro Tag durch Polizeigewalt ums Leben. Eine traurige Bilanz.

Wirtschaftliche Situation

Menschenrechte hin oder her: Brasilien ist als Wirtschaftspartner viel zu wichtig, um ihm auf internationaler Ebene große Vorhaltungen zu machen. Besonders unbeeindruckt aus gutem Grunde ist die Volksrepublik China, die gerade dabei ist, ihre Wirtschaftsbeziehungen mit Brasilien massiv auszubauen. Dabei geht es in erster Linie um mineralische Rohstoffe und Produkte der Landwirtschaft, die für die Chinesen von größtem Interesse sind. Zwei Drittel des in China konsumierten Soja stammen schon aus diesem südamerikanischen Land. Die dadurch erzielten Gewinne könnten allerdings rasch wieder versiegen, wenn Bolsonaros wichtigster außenpolitischer Freund, der US-amerikanische Präsident Donald Trump, sich im Handelsstreit mit China einigen sollte.

Amazonassynode

Die Amazonassynode, die im Oktober im Rom tagte, legte fest, dass verheiratete Männer als Diakone priesterliche Aufgaben übernehmen dürfen. Frauen bleibt das hingegen weiterhin verwehrt. Sie dürfen aber „Gemeindeleiterinnen“ werden. Die Synode bestätigte, dass sich die katholische Kirche weiterhin für die Rechte der Indigenen auf Land, Kultur und Sprache einsetzt und gegen jede Art von Diskriminierung Stellung bezieht. In Zukunft soll die enge Beziehung der Indianer an das Land und an den Wald stärker berücksichtigt werden. Das soll dadurch ermöglicht werden, indem indigene Religionen anerkannt und einzelne Bestandteile in den Gottesdienst und in die alltägliche Praxis integriert werden. Es soll ein „amazonischer Ritus“ entstehen, der auch in der Liturgie die indianischen Kulturen und Wertvorstellungen berücksichtigt.

Papst Franziskus und Lateinamerika

Der aus Argentinien stammende Papst fühlt sich den indianischen Völkern besonders verbunden und erkennt wesentlich klarer als viele seiner europäischen Kollegen die immense Gefahr, denen sie durch die ungebremste Ausbeutung von Bodenschätzen und allgemein durch die Zerstörung der Natur ausgesetzt sind. Aus Zeitgründen warfen wir nur einen kurzen Blick auf die jüngste Entwicklung anderer lateinamerikanischer Länder. An vielen Stellen brennt es, wenn auch oft aus unterschiedlichen Gründen: Mexiko kommt wegen der übermächtigen Drogenkonzerne nicht zur Ruhe und ist für Journalisten eines der fünf gefährlichsten Länder der Welt. In Venezuela ist die Lage völlig verfahren, weil sich Regierung und Opposition nicht auf ernst gemeinte Gespräche einigen können und alle Weltmächte entweder die eine oder die andere Partei unterstützen. In Bolivien musste der indigene Präsident Morales außer Landes gehen, da er die Zeichen der Zeit nicht erkannte und gegen den Willen breiter Bevölkerungskreise erneut kandidierte und plötzlich mit einem eindeutigen Ergebnis wiedergewählt wurde – offensichtlich durch Wahlfälschung. Nun aber fürchten viele Beobachter, dass Errungenschaften der Regierungszeit von Morales wie insbesondere die vielen Verbesserungen für die indianische Mehrheit von der „weißen“ Minderheit einkassiert werden könnten. Ein bisschen Hoffnung gibt die Entwicklung in Chile: Hunderttausende gehen dort auf die Straße, Alte und Junge, und fordern eine tiefgreifende Korrektur des neoliberalen Wirtschaftskurses und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Die alte stammt noch aus der Zeit des Diktators Pinochet.

KoBra-Jahresversammlung

Am Schluss des Gesprächs warfen wir noch einen Blick auf Deutschland. Anfang November fand  die Jahresversammlung von KoBra in Weimar statt, an der nicht nur Vertreter der großen Mitgliederorganisationen wie Brot für die Welt, Misereor und terre des hommes teilnahmen, sondern auch Mitglieder kleinerer Brasilieninitiativen und interessierte Einzelpersonen. KoBra heißt „Koordination Brasilien“ und ist der Zusammenschluss vieler Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Brasilien beschäftigen und dort nichtstaatliche Projektpartner haben. Alle oben erwähnten Themen wurden während der Versammlung zusammen mit einigen Gästen aus Brasilien intensiv diskutiert. Allgemeiner Tenor war, dass die Solidaritätsarbeit so wichtig wie selten zuvor ist und dass nur durch internationale Solidarität das Schlimmste verhindert werden kann. Hoffnung keimte aber auch schon während der Veranstaltung auf, als bekannt wurde, dass der ehemalige Präsident Lula, der durch juristische Tricks nicht am letzten Wahlkampf teilnehmen durfte und kurze Zeit danach auch noch zu einer hohen Gefängnisstrafe wegen vermeintlicher Korruption verurteilt wurde. Seine vorzeitige Entlassung könnte den Widerstand gegen das derzeit herrschende neoliberale, rassistische, frauenfeindliche, homophobe und nationalistische System befeuern, denn leider ist gerade die brasilianische Bevölkerung in einem hohen Maße autoritätshörig und liebt den großen Führer, der den Weg weist. Glücklicherweise wurde das auch so auf der Konferenz so gesehen und bei aller Freude über Lulas Freiheit kritisierte man auch einige Maßnahmen seiner Regierungszeit, so z.B. den Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte, die zu halbherzige Bekämpfung der Regenwaldvernichtung und den fehlenden Umbau der Ökonomie hin zu einer diversifizierten Wirtschaft.

Brasilien und das Comenius-Kolleg

Und dann ging es um das Comenius-Kolleg direkt. In den letzten Jahren ist die Beschäftigung mit Brasilien ziemlich in den Hintergrund geraten, was sehr stark auch mit dem Zentralabitur zusammenhängt. Davor wurden die Themen „Brasilien“ und „Lateinamerika“ in der einen oder anderen Form quasi in jedem Fach berücksichtigt. Das ist seit den Vorgaben des Zentralabiturs nicht mehr möglich. Insbesondere die neu hinzugekommenen Kolleginnen und Kollegen haben oft wenig Erfahrung, was Brasilien betrifft. Deshalb soll im kommenden Jahr eine eintägige Konferenz zu diesem Thema stattfinden. (Mittlerweile steht der Termin fest: Es ist der 13. Mai, ein Mittwoch.) Von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr soll unter Einsatz verschiedener Medien und Arbeitsformen an diesem Thema gearbeitet werden. Geplant ist auch die Kooperation mit Organisationen, mit denen wir freundschaftlich verbunden sind, zum Beispiel mit dem Aktionskreis Pater Beda. Zum Vorbereitungsteam gehören Bernd Lobgesang, Gerborg Meister und Gabi Amshoff.

 

Bernd Lobgesang

Eine Welt-Koordinator

 

Bild: Von Isac Nóbrega/PR – Flickr do Palácio do Planalto, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=78372168

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