Daniel Jans-Wenstrup aus Wahlde/Neuenkirchen begleitet Vera Lima meisterhaft auf dem Akkordeon. Sein Spiel drängt sich nicht auf, verdrängt erst recht nicht Veras schöne Stimme, die alle Anwesenden ergreift, anrührt. Das Akkordeon akzentuiert, verdeutlicht Stimmungen und Inhalte. Daniel Jans-Wenstrup, Absolvent des Comenius-Kolleg, ist als Begleiter Vera Limas besonders geeignet, hat er doch eine Vielzahl ihrer Lieder ins Deutsche übertragen.

„Gebe Gott, mein Kind“, zeigt eine wichtige Tatsache zum Verständnis der Musik und Texte Vera Limas. Sie ist tief religiös. Doch richtet sie ihre Bitte nicht einfach nur an Gott, um dann genug getan zu haben, sondern engagiert sich auch selbst für eine Veränderung der Situation. Z.B. im M?dchenhaus von Bayeux bei Joso Pessoa, wo 40 Mädchen im Alter von 10 bis 17 Jahren u.a. durch Veras Musikarbeit davor bewahrt werden, in die Prostitution abzugleiten. Eine Prostitution, mit der auch bundesdeutsche Reiseveranstalter Kunden in den brasilianischen Nordosten locken.

„Ich singe aber nicht nur sozialkritische Lieder“, erklärt Vera, sondern auch Liebeslieder. Liebe ist ein Teil des Lebens, sich berühren, sich küssen gehört zum Leben.“ „Beija Flor“ heisst der Kolibri auf Portugiesisch, der Vogel, der die Blumen küsst. Das Lied geht unter die Haut, selbst den wenigen, die Portugiesisch nicht verstehen. Im „Zug der Farben“ beschreibt die Poetin den Farbenreichtum und die Schönheit ihrer Heimat, die leider noch immer ausgebeutet wird, wie sie mit einem Wortspiel in dem Lied „Quem te USA“ (Wer dich benutzt) an den mächtigen Nachbarn in Nordamerika verdeutlicht.

Ein Lied ist der Landpastoral der Kirche mit dem Franziskanerpater Frei Anastacio und der Bewegung der Landlosen gewidmet, ein anderes spricht von einem neuen „Quilombo“, einer Zufluchtsstätte für Menschen, die der Sklaverei entkamen. Jetzt singt das Publikum das „l“ -„l“ – „l“ – l“ mit, das darauf hinweist, das große Teile der brasilianischen Kultur afrikanische Wurzeln haben.

Der Forró schließlich lässt das Publikum tanzen, denn Forró muss man tanzen, wenn man die Volkskultur des Nordostens verstanden hat, wie allen voran Schulleiter Pater Osmar demonstriert. Vera Lima und Daniel Jans-Wenstrup erhalten begeisterten Applaus und das Publikum das Versprechen, dass die Künstlerin im nächsten Jahr im November anlässlich einer Europa-Tournee auch wieder in das Tüöttendorf kommt. Vielleicht vor größerem Publikum.

(Hupsy)

Liebeslyrik und Protest gegen Unrecht. Vera Lima aus Brasilien singt im Comenius-Kolleg.

Wo immer sich in Brasilien Menschen treffen, die sich für eine bessere Zukunft einsetzen, für Gerechtigkeit und Menschenwürde, da ist auch ihr bekanntestes Lied dabei: „Ira chegar um novo dia…“ (Es wird kommen ein neuer Tag…) Vera Lima, Liedermacherin aus dem brasilianischen Nordosten, freut sich natürlich, dass eines ihrer Lieder so erfolgreich war. Nicht gern hat sie aber, wenn Leute nur dieses Lied von ihr hören wollen, sie auf diese Verse festnageln.

„Ich habe mich doch weiterentwickelt“, sagt sie, „und auch die Gesellschaft verändert sich stetig.“

Gerade ist Vera Lima zum vierten Mal in Europa. Gegenwärtig ist sie mit dem Aktionskreis Pater Beda unterwegs, um in Gottesdiensten und Schulen zu singen von einem Land, in dem auch 14 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur der breiten Masse noch wichtige Menschenrechte vorenthalten werden, wie das z.B. das Recht auf eine kostenlose Grundschulbildung für alle Kinder.

Vera Lima kritisiert aber nicht nur. Sie singt auch von dem neuen Brasilien, das kommen muss. Und sie engagiert sich selbst dafür, das es kommt. So arbeitet die Berufsmusikerin mit Kindern in Elendsvierteln, ausgehend von dem Gedanken, dass jeder Mensch kreativ sein kann, wenn die Anlagen dazu entwickelt werden. Neben dieser politischen Arbeit ist die Liedermacherin auch noch dabei, ihr Psychologiestudium abzuschließen. Auch dieses kann sie gut in der alltäglichen Arbeit im Elend der Großstädte und der Misere auf dem Lande Brasiliens einsetzen.

Wie breit gefächert aber ihre künstlerische Aktivität ist, kann bei solchen Auftritten in Kirchen und schulen nicht ganz deutlich werden. Deshalb gibt die Poetin mit der Gitarre am Montag, 13. Dezember, um 19.30 Uhr im Comenius-Kolleg ein Konzert, in welchem sie viele neue Lieder vorstellen wird, Lieder des politischen Protests, aber auch zarteste Liebeslyrik. Begleitet wird sie dabei, wie schon auf den letzten drei Tourneen, von Daniel Jans-Wenstrup mit dem Akkordeon, einem Instrument, das unbedingt zur Musik der Bevölkerung des brasilianischen Nordostens gehört. Der Eintritt ist frei.

Warum kommt Vera Lima auch diesmal nach Mettingen? „Es ist die Freundschaft zu Menschen hier und die Freundschaft zu einem Ort, der sich so sehr mit Brasilien befasst“, lautet ihre Antwort.

Hupsy (= Hubertus Rescher)

Vera Lima 1997 bei einem Auftritt in Rheine. Mit dem Akkordeon begleitet sie Daniel Jans-Wenstrup.

1997 interviewte Hupsy Vera Lima 
für die Lokalzeitung Ibbenbürener Volkszeitung (IVZ).

IVZ: Das ist die dritte Tournee in Europa. Was reizt an diesem Kontinent, was an Deutschland?

Vera: Zunächst einmal komme ich, um zu singen. Das ist ja mein Beruf. Seit zwei Jahren bin ich Berufsmusikerin, das Psychologiestudium ist ein wenig in den Hintergrund getreten. Ich singe gern außerhalb meines Landes, weil ich dadurch andere Kulturen treffe aber auch Menschen aus anderen Kulturen meine Poesie geben kann. Und dann treffe ich immer wieder Freunde.

IVZ: Ist jede Tournee anders?

Vera: Auf jeden Fall. Da sind nicht nur andere Orte und andere Menschen, auch ich bin jedesmal anders. Es ist klar, da? sich vieles wiederholt. Aber wenn ich auch schon einiges über Europa weiß, so bekomme ich doch stets neue Informationen. Das macht micht selbst reifer, und so wird auch meine Poesie reifer.

IVZ: Entstehen also auch Verse in Europa.

Vera: Ganz sicher. Zur Zeit geht mir einiges im Kopf herum. Ein Gedanke kam mir an einem See in Italien. Zumeist fallen mir Text und Melodie gleichzeitig ein. Es gab aber auch zwei Lieder, wo das nicht so war. Eines heißt „Os Sensiveis“ (Die Empfindsamen). Das habe ich während einer Reise im Omnibus geschrieben. Das andere heißt „Misterioso“ (Geheimnisvoll). Das sind die Verse von meinem Bruder. Meist fällt mir aber sogleich die Melodie ein. Oft summe oder singe ich dann vor mich hin, zumeist auf einen kleinen Rekorder. Einmal in einem Bus schauten mich die Leute entgeistert an, sie meinten wohl, ich sei verrückt geworden.

IVZ: Für wen singst Du?

Vera: Zunächst einmal singe ich für die Leute, die kommen. Ihnen gebe ich meine Verse. Dann singe ich über menschunwürdige Verhältnisse in meinem Land und damit für Menschenwürde. Ich singe also für die Leute dort. Und ich singe auch über mich und für mich. Denn auch ich bin ein Mensch, und auch ich will menschenwürdig leben.

IVZ: Handeln die Lieder nur von den Mängeln der Gesellschaft oder handeln sie auch von ihnen?

Vera: Zwei Bereiche halten sich die Waage. Einmal sind da sehr politische Verse. „Die Empfindsamen“ ist ein Lied, dass mich selbst gefühlsmüßig stark berührt. Manchmal muss ich weinen, wenn ich es singe. Es sagt, wie menschliches Zusammenleben ist, und wie es sein soll. Dann gibt es Verse, die zeigen ein wenig von meinem Inneren, von meiner Seele. Also, ich singe von Liebe und der Gesellschaft, und beides ist nicht zu trennen. Es gibt da ein Gleichgewicht.

IVZ: Werden wir in Mettingen neue Lieder zu hören bekommen?

Vera: Ganz sicher. Wenn es so sein soll, dann werde ich auch mein berühmtestes Lied „Ira chegar“ (Es wird kommen) singen. Aber dabei kann ich nicht stehen bleiben. Ich habe viele neue Lieder geschrieben. Davon möchte ich auch viele in Mettingen vorstellen.

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