Lotte, den 29.07.2013

 

 

Presidente Figuereido (Nordbrasilien) Juli/August 2012 – ein Reisebericht

 Wir, das sind Marcel Loske, Marcello Laveneziana und Mario-Michael Ottaiano, waren vom 10.07. bis zum 07.08.2012 in Brasilien, besser gesagt in Presidente Figuereido, einer Kleinstadt nahe der amazonischen Landeshauptstadt Manaus im Herzen des brasilianischen Nordens, der zu einem großen Teil (noch) vom Regenwald bedeckt ist. Den Kontakt nach Brasilien baute unser Lehrer Bernd Lobgesang auf, der bei uns am Comenius Kolleg in Mettingen auch die entwicklungspolitische „Eine-Welt-Gruppe“, die sich vor allem der Eine-Welt-Problematik, aber auch dem Schutz der Natur, der Beseitigung und Vermeidung von Armut und der Gestaltung einer gerechteren Welt verschrieben hat, betreut.
In Amazonien lebten wir bei der Familie Schwade. Sie hat deutsche Einwandererwurzeln, lebte jedoch mehrere Generationen im Süden Brasiliens, in den damals viele Deutsche emigrierten, ihre Kultur mitbrachten und teilweise bis heute erhielten.
Die Familie der Schwades setzt sich aus Egydio Schwade, der Tochter Maya und den drei Söhnen Luiz, Maika und Adu zusammen. Sie leben ein „anderes“ Leben. Ein anderes, als viele ihrer Mitmenschen in Amazonien und insbesondere in Presidente Figuereido.

 

Zu Hause bei Familie Schwade (Foto/ML)

Die Familie Schwade lebt nahe zu 90% konsumautark. Dies schafft sie, in dem versucht wird mit dem Wald und mit der Natur zu leben, sie als vielfältige und tierreiche Welt zu betrachten und möchte es somit vielen indigenen Völkern gleich tun, denen sie durch ihre unermüdliche Arbeit ebenfalls helfen.

Die Schwades versuchen durch einen ökologischen und nachhaltigen Gartenbau den Regenwald auf einzelnen Landstücken (Sitios), die sie nach dem Ende der Militärdiktatur in Brasilien erwarben, aktiv zu schützen und in seiner ursprünglichen Form zu erhalten.Wir drei hatten in diesem Sommer die Möglichkeit dieses Leben kennenzulernen und wurden in den vier Wochen, in denen wir dort waren zu vollwertigen Familienmitgliedern und praktisch komplett in den Arbeitsprozess des Projekts integriert.

Die Arbeit vor Ort setzte sich aus mehreren Teilgebieten zusammen. Unter Anderem arbeiteten wir für die hauseigene Imkerei. Zusammen mit Egydio kümmerten wir uns dabei u.a. um die 16 verschiedenen Bienenarten, die in Völkern von bis zu 80 000 Bienen, in eigens konstruierten Bienenkästen auf den Landstücken, aber auch auf dem Wohngrundstück der Schwades ihr zu Hause haben.

Des Weiteren halfen wir bei der Garten- und Landarbeit auf den drei „Sitios“ (Landstücken) mit und beschnitten beispielsweise unterschiedliche Obstbäume wie z.B. Orangenbäume und Ananaspflanzen oder halfen bei der Ernte von z.B. Kakao, Kokosnüssen und vielerlei tropischer Früchte, deren Namen an dieser Stelle für viel Verwirrung sorgen würden.

Neben den typischen Gartenarbeiten versuchten wir uns auch an der Herstellung von rein biologischem Kompost. Mehr oder weniger war dies unser erster Arbeitstag und unsere Feuertaufe. Am Morgen hieß es wir sollten uns „alte“ Arbeitskleidung anziehen. Sie sollten, bei dem was uns bevorstand, ruhig dreckig werden können. Dabei dachten wir uns sehr wenig, aber wir sollten uns noch wundern.

Mit Ricardo, dem Schwager Egydios, fuhren wir raus zu einer weiter entfernten Rinderfarm. Das war schon mal der erste Schock. Eigentlich lag die Kleinstadt mitten im Wald und als wir dann auf eine Hauptstraße abbogen, kamen wir an riesigen Weideflächen vorbei, die rechts und links nur vom Wald begrenzt wurden. Kein schöner Anblick, aber damit nicht genug.

Auf der Farm angekommen, stellten wir den Wagen am Rande eines gigantischen Misthaufens ab. Uns schwante bereits übles. Und genau das trat ein. Wir durften nach und nach mit oder ohne Stoffhandschuhe, es machte deshalb auch keinen große Unterschied, den Mist in Säcke schaufeln und dann verladen, ohne genau zu wissen wofür wir das eigentlich machten.

Später stellte sich heraus, dass wir ihn für Herstellung von Biokompost auf einem der Sitios benötigten. Solche und weitere Techniken, wie zum Beispiel das richtige beschneiden von Obstbäumen lernten wir in der Zeit bei den Schwades.

Während der vier Wochen arbeiteten wir jedoch auch mit einer Hilfsorganisation für Indigene, wie dem CIMI, zusammen. Die Organisation wurde damals u.a. von Egydio mit gegründet und bietet regelmäßig Kurse für Mitglieder indigener Völker, aber auch Kleinbauern und Hilfsarbeiter an, auf denen sie die Techniken der Imkerei im Regenwald, wie auch Wissen über den nachhaltigen Gartenbau vermittelt.

Dieses Schulungszentrum, das etwas 20 Minuten von der amazonischen Landeshauptstadt Manaus entfernt ist und ebenfalls mitten im Wald liegt, hatte natürlich auch einen Obstgarten, den es zu pflegen galt. Als wir dort ankamen, fragten wir uns, ohne zu wissen was auf uns zukommen sollte, wie viel Aufwand es wohl sei, das riesige Grundstück des Zentrums mit dem dazugehörigen Garten zu pflegen und wer sich darum wohl kümmere.

 

Ausblick vom Organgenfeld des CIMI (Foto/MMO)

Am ersten Morgen war klar: „Wir kümmerten uns darum“. Nachdem wir die beiden Mitarbeiter der Indigenenorganisation kennengelernt hatten, ging es direkt an die Arbeit. Die Gärten mussten auf Vordermann gebracht werden und waren teilweise so stark überwuchert, dass man die einzelnen Obstbäume nicht mehr ausfindig machen konnte.

Dabei galt es besonders darauf zu achten, die Obstbäume von kleinen Trieben und Ästen zu befreien, damit sie die Kraft aufbringen konnten, Früchte zu tragen. Eine sehr wichtige Erkenntnis im Obst- und Nutzpflanzenanbau, die uns zuvor nur teilweise bekannt war.
Als wir nach mehren Tagen damit fertig waren, kümmerten wir uns noch um mehrere Kräuterbete, die vor dem Garten angelegt waren. Danach ging es wieder zurück nach Presidente Figuereido, wo wir den Rest unsere Aufenthalts in Amazonien verbrachten.

 Durch unseren vierwöchigen Aufenthalt in Amazonien haben wir einen besonderen Einblick in eine Welt erhalten, die vielen unzugänglich bleibt. Wir hatten die Möglichkeit Teil einer Familie zu sein, die Widerstand gegen die Waldpolitik des Landes und gegen die Macht der Großgrundbesitzer, durch ihren alternativen Lebensstil leistet.

 Uns hat die Zeit in Brasilien sehr stark geprägt und wir sind mit vielen Ideen und vielen neuen Ansichten, auch neuer politischer Motivation nach Deutschland zurückgekehrt. Durch unsere weitere Arbeit in der Eine-Welt-Gruppe am Comenius Kolleg, unser verändertes Bewusstsein zum Konsum und zum Leben in einem der westlichen Industrieländern wollen wir die Werte und Vorstellungen, die wir bei den Schwades erfahren haben, weitertragen und leben.

Imkerei im amazonischen Regenwald (Foto/MLo)

Es hat uns sehr viel Spaß gemacht und es war eine tolle Erfahrung. Nun wissen wir genau, warum wir als Gruppe am Kolleg diese Familie und ihr Projekt unterstützen.
An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei den Schwades, vor allem aber bei unserem Freund und Lehrer Bernd Lobgesang bedanken, der dieses Abenteuer für uns erst möglich machte.

Muito obrigado Bernardo!
Wir hoffen sehr, dass wir durch diesen kurzen Bericht einen kleinen Einblick über unser Wirken in Presidente Figuereido ermöglichen konnten.

 

mit solidarischen Grüßen,

Marcel, Marcello, Mario-Michael