Wir schreiben das Jahr 1996.
Ich war gerade aufgrund einer Erkrankung berufsunfähig geworden und suchte nach einem neuen Lebensabschnitt, als ich erfuhr, dass man am Comenius-Kolleg sein Abitur nachholen kann.
Kurz entschlossen fuhr ich dorthin und informierte mich über alle meine Möglichkeiten. Sodann erwarb ich den erweiterten Realschulabschluss, um das allgemeine Abitur antreten zu können.
Von 1997-1999 begann dann rückblickend eine sehr schöne Zeit. Besonders angetan hatte es mir die Biologie, so dass ich nach dem Grundmodul den Leistungskurs belegte.
In dieser Zeit lernte ich sehr viele spannende Methoden und Gegebenheiten der Biologie kennen, die mich sehr fesselten. Einen wesentlichen Beitrag leistete dazu Susanne Böttcher, die auch heute noch, wie ich annehmen darf, den Geist am Kolleg entscheidend prägt.
Erfreulicherweise bestand ich im Dezember 1999 dann das Abitur.
Diese Auszeichnung befähigte mich darüber nachzudenken, ein universitäres Studium anzuschließen. Dazu bewarb ich mich, seinerzeit noch über die ZVS, an der Universität Osnabrück für den Studiengang Diplom-Biologie. Ich erhielt einen Studienplatz im Wintersemester 2000. Nun folgte das arbeitsintensive und nervenaufreibende Grundstudium.

Mathematik, Physik, Chemie, Botanik, Zoologie, Mikrobiologie, Genetik, Biochemie, Pflanzenphysiologie, Ethologie, Neurobiologie, Biophysik, Zellbiologie, Ökologie, die Liste war lang. Während des Semesters die Vorlesungen und Seminare, in den Semesterferien die praktischen Übungen und zwischendurch Exkursionen. Und fortwährend Klausuren, die es zu bestehen galt.
Und als all das vorüber war, wurde für das Vordiplom gelernt. Hier wurde jeweils eine mündliche Prüfung in den Fächern Physik, Chemie, Genetik, Botanik, Zoologie und Mikrobiologie geprüft. Diese Diplom-Vorprüfung habe ich dann im August 2003 erfolgreich bestanden.
Nun folgte das Hauptstudium. In dieser Phase ist der Student gefordert, eigene Studienschwerpunkte zu setzen. Ich entschied mich für die Hauptfächer Ethologie, Zoologie und Neurobiologie. Aber auch hier wurden Exkursionen und Großpraktika gefordert. Darüber hinaus hatte ich für eine kurze Zeit die Stelle eines Hilfswissenschaftlers, um einem Doktoranden zuzuarbeiten und habe die Zeit ebenfalls genutzt, über den Tellerrand hinauszuschauen.
Da Ethologie und Neurobiologie unter anderem zu meinen Schwerpunkten gehörten, fand ich es angemessen über zwei Semester auch einen Kurs, eine Vorlesung und ein Emperiepraktikum in der Psychologie zu bewerkstelligen.
Das Studium neigte sich dem Ende zu und es begannen die Vorbereitungen für die mündliche Diplomprüfung. Da ich die Schwerpunkte Ethologie, Zoologie und Neurobiologie belegt hatte, war in diesen Fächern eine mündliche Prüfung von 1 Stunde zu bestehen.
Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass man zu dritt in einer solchen mündlichen Prüfung sitzt. Der Professor, der die Prüfung abnehmen darf, ein Beisitzer, der die Prüfung protokolliert und der Prüfling. Nun ist das im Diplomstudiengang nur die halbe Miete.
Nach den bestandenen mündlichen Prüfungen schreibt man dann zu einem ausgewählten Thema seine Diplomarbeit. Ich entschied mich für die Ethologie und das Thema meiner Diplomarbeit lautete: „Trägt der terrestrische Ethotyp der Schermaus Arvicola terrestris (L., 1758) Merkmale einer semiaquatischen Lebensweise?“
Für die Bearbeitung seines Themas hat man einen festgesetzten Zeitraum. Dabei wird die Fragestellung bearbeitet, im Labor und/oder Freiland, deren wissenschaftliche Ergebnisse dann in der Diplomarbeit schriftlich niedergelegt werden.
Aufgrund des festgesetzten Zeitraums gibt es dann entsprechend einen Abgabetermin. Zu diesem Tag muss das Druckwerk im Dekanat abgegeben werden. Dieses wird dann vom Erstgutachter und vom Zweitgutachter mit einer Note bewertet. Aus der Note der mündlichen Prüfung und der Note der Diplomarbeit ergibt sich dann die kumulierende Note des Diploms.
Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass dieses ganze System modular aufeinander aufbaut. Erst nach einem erfolgreichen Schritt folgt der nächste.

Ich erhielt meine Urkunde im Jahr 2007. Ich führte sodann den Hochschulgrad eines Diplombiologen. Mit der Diplomprüfung weist der Prüfling nach, dass er in der Lage ist, unter Anleitung wissenschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten.
Ich bewarb mich sodann auf eine ausgeschriebene Stelle an der Biologischen Bundesanstalt in Münster, die zum Thema Schermaus (eine Wühlmaus) arbeiten wollte. Was für ein Glück, genau mein Thema. Im Vorstellungsgespräch hielt ich einen Vortrag vor einem Gremium und stellte dabei meine neuen Erkenntnisse zum Leben der Schermaus vor.
Im Anschluss stellte ich mich den Fragen, schon wieder eine Prüfung. Ich hatte aber den Mut, da es nur eine halbe Stelle war, die ausgeschrieben wurde, mich nur zur Übernahme bereit zu erklären, wenn man mir die Möglichkeit zur Promotion gestatten würde.
Am nächsten Tag bekam ich die Mitteilung, man habe sich für mich entschieden und einer Promotion sollte nichts im Wege stehen. Nun führte mich der Weg wieder zurück in die Universität Osnabrück, zu meinem Professor, mit der Bitte, mich als Doktoranden anzunehmen.
Diese Entscheidung fiel zwischen Tür und Angel, aber positiv. Nun war mein Professor mein Doktorvater. Die Stelle, auf die ich mich beworben hatte, war eine Stelle in einem Kooperationsprojekt, wie ich erst später erfuhr.
Ich hatte mich zwar an einem Bundesinstitut beworben, wurde aber vom Kooperationspartner (einem Wirtschaftsunternehmen) eingestellt und als Gastwissenschaftler nach Münster entsandt.
Mit der Promotion soll der Kandidat zeigen, dass er zu selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit befähigt ist. Das Thema wurde formuliert und es konnte losgehen (Die Verhaltensreaktion der Schermaus Arvicola terrestris (L., 1758) gegenüber akustischen Reizen unter Berücksichtigung verschiedener Elemente mit kommunikativer Bedeutung). Tägliche wissenschaftliche Arbeit, Vorträge am Institut, Seminare an der Universität, Vorträge an der Universität und auf Kongressen, viel Arbeit.
Zum Ende hin bestätigten sich meine Hypothesen und Methoden. Es deutete sich an, dass ich eine Methode für die Firma gefunden hatte, die sie nutzen konnten, um die Schermaus, ohne Nichtzielorganismen zu schädigen, von Flächen zu vertreiben.
Ich erkannte meine Leistung, fasste Mut zusammen, formulierte eine Arbeitnehmererfindung und reichte diese ein.
Diese Entscheidung war gut, denn die Firma nahm die Arbeitnehmererfindung an und heute sind sowohl die Methode, als auch das Gerät, das aus meiner Arbeit entstanden ist, als Internationales Patent geschützt. Damit hatten meine Ergebnisse eine erste Prüfung erfolgreich bestanden.
Nun wurden alle Ergebnisse und Methoden, Theorien und Hypothesen in das Schriftstück einer Dissertation gebündelt. Dieses wird dann in mehrfacher Ausfertigung (gedruckt und gebunden) im Dekanat abgegeben. Das Dekanat verschickt die Arbeiten dann an die jeweiligen Prüfer, in diesem Fall vier Professoren. Im ersten Schritt begutachten der Erstgutachter und der Zweitgutachter das Werk und vergeben eine Note und verfassen dazu ein Gutachten. Ebenso liegt es im Fachbereich für jeden Professor zur Einsicht aus. Wird die Leistung für angemessen bewertet, vergeben Erst- und Zweitgutachter jeweils eine Note. Diese wird mit dem Gutachten dem Dekanat bekannt gegeben.
Im Falle des Bestehens gibt es dann einen öffentlichen Aushang in der Universität, in dem festgestellt wird, dass die Dissertation angenommen wurde und das Verfahren zur Prüfung eröffnet wird.
In Folge gibt es dann einen zweiten Aushang, in dem der Termin der mündlichen Prüfung, die so genannte Disputation, bekannt gegeben wird. Die Disputation erfolgt dann vor allen vier Prüfern und der Hochschulöffentlichkeit. Die Disputation besteht aus zwei Teilen. Zuerst hält der Kandidat vor den Prüfern und der Hochschulöffentlichkeit seinen Disputationsvortrag, in dem er seine Arbeiten vorstellt. Daran anschließend erfolgt die mündliche Prüfung, in der der Kandidat zeigen muss, dass er seine Arbeit gegenüber kritischen Einwänden verteidigen kann und dass er sein Fachgebiet beherrscht.
Nun verlassen der Kandidat und ebenfalls die Hochschulöffentlichkeit den Raum und das Gremium bespricht die Leistungen und bewertet sie.

Ich komme nun letzten Freitag (29.11.2013) aus dem Prüfungsraum heraus und möchte auf meine Note warten, da kommen meine nahen Angehörigen und Freunde um die Ecke. Und wen sehen meine erschöpften Augen unter den Anwesenden, die Susi. Welch eine Freude in einem solchen Moment.
Susi, die selbst in Osnabrück studiert hat, einen Teil ihrer Arbeiten auch bei meinem Doktorvater bearbeitet und verfasst hat, ich, der ich bei Susi meinen Leistungskurs absolviert hatte und dann auch bei Professor Schröpfer promoviert hatte, alles fügte sich.
Es wurden Fotos geschossen. Dann ging die Tür auf und die Prüfer baten mich herein. Und unter Ausschluss der Öffentlichkeit verkündeten sie mir, dass ich mein Magna cum laude gehalten hatte. Es wurde gratuliert und die Hände wurden geschüttelt. Und alles lief wie in einem Film.


Mein Doktorvater öffnete die Tür und bat die Öffentlichkeit wieder dazu. Alle freuten sich, mir wurde heftigst gratuliert und Sekt und Saft sowie Knabbereien wurden geöffnet. Und dann gaben sie ihn mir – den Doktorhut. Meinen Doktorhut. Es folgte ein nettes Beisammensein.
Nun ist das Verfahren aber noch nicht abgeschlossen. Ich muss meine Dissertation publizieren und es gibt noch ein paar Verwaltungsvorschriften zu beachten, aber dann, irgendwann in den nächsten Wochen, überreicht mir die Universität meine Doktorurkunde. Es ist geschafft.
Wie es weitergeht?- Das weiß ich noch nicht. Aber ich möchte euch einen Rat mit auf den Weg geben.
Ich habe mich für ein Studium entschieden, das voll und ganz in meinem Interesse lag und liegt. Der Weg dorthin zum Ziel ist gepflastert mit viel Arbeit, Rückschlägen und einer Menge Einsatz.
Meines Erachtens kann man all dies nur bewältigen, wenn man begeistert ist. Nutzt also die Chance am Kolleg, um festzustellen, was euch begeistert. Und dann sind Entscheidungen gefragt und der Mut, Dinge in die Hand zu nehmen.

Ich wünsche euch dafür viel Erfolg

Thorsten Menke