Foto: J. Rosenthal
521 Kilometer in die Vergangenheit
Eins vorweg:
Der Regen trommelt auf das
termoderatorensprache heißt.
des Comenius-Kollegs in Mettin-
Ein Bericht über das Klassentref-
Dach des Wohnmobils, lautes
Dabei fällt mir ein: Was sagt man
gen. Mit einem Telefonat kündi-
fen zu schreiben ist die eine Sache,
Glockengeläut durchdringt die
gewöhnlich über das Münster-
ge ich meiner Frau die Heimreise
wie man ihn schreibt eine zweite.
Ohren. Krähen krächzen unüber-
und Tecklenburger Land: Entwe-
an, nur noch einen Kaffee und
Ich habe mich dazu entschlossen
hörbar dazwischen, als wollten
der es läuten die Glocken oder es
dann geht es los. Sie ist verwun-
ihn durch meine Brille, oder besser
sie gegen den Ruf zum Kirch-
regnet. Fällt beides zusammen
dert über meine Stimme, ich
gesagt mit meinen Emotionen zu
gang protestieren. Ein Blick nach
ist Sonntag. Heute ist Sonntag!
offen gesagt auch, als ich mich
schreiben. Also kein nüchternes
draußen bestätigt was die Ohren
Langsam wird es hell, wenn man
selbst sprechen höre. Heiser
Protokoll, eher ein persönlicher
schon vernommen haben: Echtes
bei der grauen Suppe überhaupt
klingt sie, sehr heiser. Mehr als
Rückblick auf eine schöne Schul-
Schietwetter, es schifft mächtig
von Helligkeit sprechen mag. Ich
zwölf Stunden reden, dabei im-
zeit und natürlich auf erneute
wie es neudeutsch in der Wet-
stehe auf dem Lehrerparkplatz
mer Nebengeräusche übertönen
Begegnung nach 40 Jahren.
Klassentreffen in Mettingen
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Die ersten warten schon vor dem
Eingang des Kolleggebäudes.
zu müssen, um sich verständlich
zu machen bin ich nicht gewohnt.
Normalerweise bediene ich nur
Tastatur und Maus, führe tags-
über zumeist nur kurze Gesprä-
che am Telefon oder mit Kollegen
und am Abend einen Plausch in
ruhiger Atmosphäre mit meiner
lieben Frau oder Gästen. Meine
Stimmbänder sind einfach nicht
austrainiert. Die Ohren aber
offensichtlich schon, dann von
ihnen wird keine Meldung über
irgendeine Beeinträchtigung nach
dem gestrigen Tag abgeschickt.
Und wie ist das mit dem was zwi-
schen den Ohren liegt und für
gewöhnlich auch Gehirn genannt
wird. Da schwirrt es ordentlich.
Wer nun Restalkohol nach durch-
Klassentreffen in Mettingen
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Foto: H.Newe

zechter Nacht vermutet, liegt
allerdings falsch.
Warum also die heisere Stimme,
warum schwirrt der Kopf und
warum ist auch die emotionale
Stimmung anders als sonst?
Nun, gestern trafen sich die Kolle-
giaten, die vor 40 Jahren ihr Abi-
tur in Mettingen gemacht haben,
ich war einer davon. Da gab es
viel zu erzählen und sehr viel zu
hören. Spannende Geschichten,
denn einige haben sich nach dem
Abitur nie wieder gesehen oder
auch nur irgendeinen Kontakt
miteinander gehabt. Von diesem
Treffen und wie es dazu kam, will
ich nun ein wenig erzählen:
Im Frühjahr flatterte ein Brief von
Hans Elbeshausen ganz klassisch
Foto: J. Rosenthal
per Post ins Haus. Ich lese: Ein-
Die Einheimischen Heinz und „Skip-
py“ Josef kommen auch.
Klassentreffen in Mettingen
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Wiedersehensfreude!
ladung zum 40-jährigen Abitur.
Huch, kann das sein? Erschrocken
deklinier ich mal schnell die letz-
ten Jahre durch, es sind zugege-
benermaßen unabänderlich Jahr-
zehnte, dann noch der Blick auf
das Geburtsdatum und ich muss
feststellen, ja, kommt hin. Abi-
tur vor 40 Jahren? Hätte ich gar
nicht gedacht. Tempus fugit, die
Zeit vergeht wie im Flug. Einmal
tief Luft holen, zum Telefonhörer
greifen die Nummer vom Hans
wählen und die Einladung anneh-
men. Das Telefonat hat mal gleich
eineinhalb Stunden gedauert.
Ganz gegen meine Gewohnheit,
sonst telefonier ich immer nach
der Zack-Zack-Methode.
Klassentreffen in Mettingen
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Kleiner Einschub: An dieser Stelle
möchte ich Gerda Rosenthal und
Hans Elbeshausen ausdrücklich
danken, dass sie dieses Treffen
organisiert haben. Jörg Rosenthal
gilt mein Dank für die vielen Fotos.
Der Termin steht, ein paar Gedan-
ken wandern um Mettingen und
die Kollegzeit herum, aber schnell
ist man auch wieder mit Beruf,
Familie und allem was dazugehört
im Alltagsgeschäft. Das Mystische
dieses Ortes und dieser Zeit die ich
dort verbracht habe, wollte noch
nicht so Recht wieder in den Vor-
dergrund rücken.
Der Sommer vergeht, der Herbst
kommt, der Termin rückt näher.
Die Gedanken wandern wohlwol-
lend und mit angenehmen Erin-
Foto: J. Rosenthal
Gerda freut sich, dass die Organisa-
tion bis hierher geklappt hat.
Klassentreffen in Mettingen
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Annelie begrüsst Pater Osmar. Es ist
eine große Freude ihn wiederzuse-
hen.
nerungen nach Mettingen zur
Kollegiatenzeit zurück. Bernhard
und ich haben uns am Ende der
Kollegzeit sogar einmal ernsthaft
überlegt mit voller Absicht eine
Ehrenrunde zu drehen und das
Abitur erst ein Semester später zu
machen. Emotional wollten wir
von der Schule nicht weg, haben
diese Überlegung dann aber wie-
der verworfen. Schlecht kann es
also nicht gewesen sein an die-
sem für uns mystisch-besonderen
Ort.
Der Tag der Abreise nähert sich,
die Spannung steigt, mit Vorfreu-
de gemischte Nervosität stellt
sich ein. Viele Fragen tauchen
Klassentreffen in Mettingen
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Foto: J. Rosenthal

Heinz und Annelie .
auf: Wer wird kommen, wen er-
kennt man wieder, wie begegnet
man sich? Wie war das eigentlich
damals alles, was haben wir ge-
macht, welche Ziele haben wir
in dieser Zeit formuliert, was hat
uns geprägt, was ist geblieben,
was haben wir von dem umge-
setzt was wir uns vorgenommen
hatten, haben wir noch etwas
anderes mitgenommen als „nur“
ein Zeugnis über die Allgemeine
Hochschulreife? Wie ist es all den
anderen ergangen, mit diesen
Fragen, mit ihrem Leben?
Der Tag der Abfahrt nach Mettin-
gen ist da. Eigentlich mal wieder
gar keine Zeit die Dinge in aller
Klassentreffen in Mettingen
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Foto: J. Rosenthal

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Foto: J. Rosenthal

Wir lauschen, wie sich die Schule in
den letzten Jahrzehnten entwickelt
hat.
Ruhe anzugehen. Hier ist noch
etwas zu erledigen und dort noch
auf letzte Kundenwünsche zu re-
agieren und Datenpakete per ftp
für die Druckerei auf den Weg
zu bringen bevor es losgehen
kann. Nun liegen 521 Kilometer
aus dem Nördlichen Schwarzwald
nach Mettingen in Westfalen vor
mir, eine weite Reise in Kilome-
tern aber auch eine weite Reise in
die eigene Vergangenheit.
Am Stück fahre ich die Strecke
nicht, ich übernachte im Wester-
wald auf einem mir bekannten
ruhigen Wanderparkplatz ab-
seits der Autobahn Die letzten
200 Kilometer nehme ich mir für
den folgenden Tag vor. Er be-
Klassentreffen in Mettingen
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Foto: J. Rosenthal

Michael und Helen drücken mal wie-
der gemeinsam die Schulbank.
ginnt trüb und nebelig. Schnell
komme ich nicht voran und ge-
nauso nebulös wie das Wetter
ist, sind auch die Vorstellungen
darüber, was mich erwartet. Wie
begegnen wir uns? Diese Frage
beschäftigt mich am Meisten. Ist
man höflich distanziert und gibt
sich artig die Hand oder fällt man
sich um den Hals und umarmt
sich, wie wir das früher gemacht
haben. Dann die bange Frage:
Erkenne ich die Gesichter und
fällt mir auch der passende Name
dazu ein? Wir werden sehen.
Die Spannung steigt kontinuier-
lich als ich nach Mettingen hin-
einfahre. Erster Eindruck: Boah,
hat sich der Ort verändert, das
Klassentreffen in Mettingen
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Foto: J. Rosenthal

Vor mehr als 40 Jahren bin ich hier
eingezogen.
sah früher aber ganz anders aus.
Der Weg zum Kolleg ist leicht
zu finden, der Lehrerparkplatz
ausreichend leer um das Womo
abzustellen. Nun steht der erste
Kontakt nach langen Jahren un-
mittelbar bevor. Vorm Eingang
steht schon eine kleine Gruppe
und schwätzt miteinander, wie
man bei uns zu sagen pflegt. Lä-
chelnde bis strahlende Gesichter
empfangen mich, einige erkenne
ich sofort wieder und kann sie
auch mit Namen begrüßen, ande-
re dagegen nicht. So geht es of-
fensichtlich vielen, keinem scheint
es unangenehm zu sein, keinem
scheint es etwas auszumachen
zu sagen: Hilf mir mal, wer bist
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Foto: J. Rosenthal

Paul und Bernhard spielen mal
eben ein kleines Comenius-Ge-
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dächtnisturnier.
Foto: H.Newe

denn Du? Und schon wenn man
die Stimme hört, wird auch gleich
klar, wen man vor sich hat. Be-
rührungsängste? Keine Spur! Die
Damen haben sich kaum verän-
dert, eigentlich gar nicht (soviel
Charme muss sein!). Bei den Män-
nern ist das schon etwas anders.
Der eine oder andere trägt den
Scheitel nun etwas breiter und das
Resthaar hat diese eigentümliche
graue Farbe angenommen, nicht
bei allen aber bei vielen. Manche
habe sich auch nur für grau ent-
schieden und sind beim schmalen
Scheitel geblieben. Allerdings ha-
ben nur wenige deutlich erkenn-
bar an Leibesfülle zugenommen,
find ich überraschend. Lassen wir
die Äußerlichkeiten. Nach dem
ersten „Mensch Dich hab ich aber
nicht wiedererkannt“ ist es ein
Foto: J. Rosenthal
Barbara ist mit Georg im Gespräch
vertieft, während Gerda noch orga-
nisatorisches zu erledigen hat.
Klassentreffen in Mettingen
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munteres Geplapper über: Wie
geht es Dir, wie ist es Dir ergan-
gen, was machst Du denn, wo
wohnst Du denn und weist Du
noch und, und, und …
Das Geplapper verstummt als
Pater Osmar zu uns kommt und
uns begrüßt, es ist ein Freude ihn
wiederzusehen, ebenso Frau El-
lermann und später auch Pater
Donatus. Frau Böttcher, die an
die Schule kam, als wir Mettingen
schon längst verlassen hatten,
berichtete über die Entwicklung
der Schule in den letzten Jahr-
zehnten. Sie führte uns auch
durch die Klassenräume. Begleitet
hat uns dabei der neue Schulleiter
Herr Bahlmann. An dieser Stelle
sei ein herzliches „Dankeschön“
dabei an sie beide gerichtet. Fast
Foto: J. Rosenthal
unvermeidlich kommen die wirt-
schaftlichen Probleme der Schule
Vor lauter Gesprächen kommt man
gar nicht weiter. Nur langsam nä-
hern wir uns dem Hotel Telsemeyer.
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zur Sprache. Das erwischt aber
nicht jeden Kollegiaten auf dem
richtigen Fuß. Nein, ich finde
es nicht schlimm, wenn das zur
Sprache gebracht wird, ganz im
Gegenteil! Diese Schule hat uns
viel gegeben und wer kann und
natürlich auch will, darf auch
gern etwas zurückgeben, damit
anderen Schülern die Möglichkei-
ten eröffnet werden, die diese
Schule uns eröffnet hat. Aber wer
sich grad auf einer sentimentalen
Reise in die Vergangenheit be-
findet, mag von wirtschaftlichen
Nöten natürlich nichts hören, das
ist auch verständlich. So geht es
durch die Räume weiter, vielfach
erscheinen sie fast unverändert.
Die Ziegel-Betonkonstruktion des
Hauptgebäudes – unverändert.
Nur das Studienkolleg, in dem
Foto: J. Rosenthal
ich gewohnt habe, trägt nun ein
Beim Weizenbier steigt die Stim-
mung bei Gerd und Hermann.
Klassentreffen in Mettingen
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Walmdach. Die Klassenräume wir-
ken unverändert. Die Tischtennis-
platte im Keller steht noch immer
dort. Wollten zu unserer Zeit mehr
als vier Leute Tischtennis spielen,
gab es Rundlauf bis zum abwin-
ken. Alles stand plötzlich wieder
lebendig da, natürlich auch die
fliegende Kartoffel in der Mensa,
der Fiat 500 im Eingang, das Os-
terfeuer bei Brenninkmeyers. So
manch anderer Schabernack wird
mit lachenden Gesichtern erzählt.
Ja, wir waren nicht immer nur um
Ernsthaftigkeit bemüht. Aber wir
haben auch Autos für die „Dritte
Welt“ gewaschen oder Ausstel-
lungen und Veranstaltungen zur
„Dritte-Welt“ Problematik in der
Schule und an anderen Orten or-
ganisiert.
Foto: J. Rosenthal
Gerda und Heiner lauschen, was an-
dere so aus ihrem Leben zu erzählen
haben.
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Foto: J. Rosenthal

Pater Donatus, Urgestein des
Comenius-Kollegs.
Der Unterricht blieb nicht un-
einfach nur gebüffelt haben, um
beeinflusst von den politischen
den für das angestrebte Studium
Einflüssen dieser Zeit. Der Terror-
notwendigen Notendurchschnitt
anschlag bei den Olympischen
zu schaffen. Das ging auch in
Spielen 1972 in München, die
Ordnung.
Sonntagsfahrverbote im Zuge
der ersten Ölkrise 1973, der von
Wie aber ist der Umgang jetzt
der CIA gesteuerte Militärputsch
miteinander, nach der ersten
in Chile durch Augusto Pinochet
Stunde neu-beschnuppern auf
1973, die Guillaume-Affäre 1974
dem Weg zu Telsemeyer? Es ist,
der zum Rücktritt Willy Brandts
als wäre nichts gewesen. Die Ver-
führte und anderes mehr. Mein
trautheit, Offenheit und Verbun-
Gott, was haben wir uns die
denheit von vor vierzig Jahren
Köpfe über diese Themen heiß
ist immer noch da. Liegt das am
geredet, vor allem nach dem Un-
franziskanischen Geist, liegt es an
terricht. Allerdings war bei die-
dieser Schule, an uns oder ist das
sen Diskussionen nicht jeder und
ein ganz normaler Vorgang? Ich
jede dabei. Es gab auch die, die
weiß es nicht.
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Aufmerksam wird diskutiert und
zugehört.
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Foto: H.Newe
Foto: H.Newe

Frau Ellermann erzählt die Geschich-
te vom Tabernakel als Schutzbehäl-
ter für radioaktive Stoffe.
Beim „gemütlichen Beisammen-
sein“ habe ich nicht den Eindruck
gewonnen, dass hier nur small-
talk herrschte. Da ging es teilwei-
se ganz schön ans Eingemachte.
Es ging um gelungene Ehen und
um weniger gelungene, um Kin-
der und Enkelkinder, um Gesund-
heit, Krankheit, Tod, beruflichen
Erfolg und Misserfolg. Dinge, die
man nicht jedem erzählt, deshalb
bleiben die Details natürlich auch
unter uns. Verblüffend, dass man
nach so langer Zeit dort im Zwie-
gespräch weitermachen kann,
wo man vor 40 Jahren aufgehört
hat. So als wäre man nur grad zur
Tür raus und trifft sich ein paar
Stunden später wieder. Ist das
eine Verbundenheit die nur durch
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Foto: H.Newe

Michael und Annette.
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Foto: H.Newe
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Nichts hat sich geändert! Das La-
chen bei Helen und Annelie ist
immer noch herzerfrischend.
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Foto: J. Rosenthal

Barbara und Gerd, zwei der letzten
Nachteulen des Klassentreffens.
dieses Kolleg an dieser Stelle ge-
schaffen werden konnte? Wie ist
diese Intensität zu erklären?
Auch wenn jeder theoretisch die
Möglichkeit hatte mit jedem zu
reden, zeitlich war das nahezu
unmöglich. Bedauerlich fand ich,
dass die große Mehrzahl am spä-
ten Nachmittag schon wieder die
Heimreise angetreten hat. Nur
eine kleine Gruppe blieb bis in
den späten Abend und nur sehr
wenige hatten sich ein Nacht-
quartier besorgt.
Da wird sicher ein weiteres Tref-
fen folgen, aber nicht erst nach
weiteren 40 Jahren. Da freue ich
mich schon heute drauf.
Heiner Newe
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Foto: H.Newe